13/05/2026
Es geht hier um die Wiener Studie „Zwischen Anerkennung und Abwertung: Einstellungen junger Zugewanderter in Wien“, veröffentlicht am 25. Juli 2025, im Auftrag der Stadt Wien und unter der Studienleitung von Kenan Dogan Güngör. Die Studie untersucht bei 14 bis 24 Jährigen unter anderem antidemokratische, abwertende und gewaltaffine Einstellungsmuster. Im Kapitel zum religiösen Fundamentalismus arbeitet sie dabei mit drei Aussagen: „Alle Menschen sollten sich an die Regeln meiner Religion halten“, „Man muss bereit sein, für die Verteidigung seines Glaubens zu kämpfen und zu sterben“ und „Für mich stehen die Vorschriften meiner Religion über den Gesetzen in Österreich“.
Genau hier beginnt das Problem. Diese Fragen trennen nicht sauber zwischen innerer religiöser Überzeugung und gesellschaftlicher Gefahr. Wer religiös ist, hält die eigene Religion oft für wahr, richtig oder moralisch überlegen. Das ist zunächst noch kein Angriff auf die Demokratie. Religionsfreiheit schützt gerade auch starke Überzeugungen und ihre Ausübung, solange dabei nicht die Rechte anderer verletzt werden. Das garantieren Artikel 9 der Europäischen Menschenrechtskonvention und die entsprechenden europäischen und internationalen Standards ausdrücklich.
Die eigentlich entscheidenden Fragen wären daher andere: Akzeptierst du gleiche Rechte für Andersgläubige und Nichtgläubige? Lehnst du Zwang, Einschüchterung und Gewalt ab? Respektierst du demokratische Gesetze auch dann, wenn sie deiner persönlichen Überzeugung widersprechen? Genau diese gesellschaftliche Komponente steht aber nicht im Zentrum der zugespitzten Darstellung. Stattdessen entsteht schnell das Bild, schon starke Frömmigkeit oder religiöse Normbindung seien an sich verdächtig. Die Studie selbst ordnet die drei Aussagen als religiös fundamentalistische Statements ein und addiert dabei auch Antworten wie „eher ja“ und „voll und ganz“ zu einem Gesamtbild.
Und genau deshalb ist diese Grafik für rechte und rechtspopulistische Akteure so attraktiv. Sie können damit den starken Mann gegenüber einer Minderheit markieren, sich als Verteidiger des Abendlandes inszenieren und komplexe soziale, bildungsbezogene und integrationspolitische Fragen in ein simples Feindbild pressen. Der Bericht des Unabhängigen Expertenkreises Muslimfeindlichkeit hält ausdrücklich fest, dass Muslimfeindlichkeit ein reales gesellschaftliches Problem ist und behandelt sowohl den Diskurs um Islamkritik als auch die Instrumentalisierung von Muslimfeindlichkeit.
Man sieht gerade wieder, wie eine differenzierte Studie oder einzelne Grafiken daraus nicht als Anlass für eine kluge Debatte genutzt werden, sondern als Munition für pauschale Verdächtigung. Das ist der eigentliche Skandal. Nicht weil man über problematische Haltungen nicht sprechen dürfte. Sondern weil man aus einer Minderheit eine Projektionsfläche macht, statt präzise zu fragen, wo Überzeugung endet und Übergriff beginnt.
Die entscheidende Frage ist nicht, ob jemand seine Religion liebt.
Die entscheidende Frage ist, ob er anderen dieselbe Freiheit zugesteht.