11/06/2026
Werter MDR Thüringen , werter Herr Sänger,
heute Abend bin ich Zeuge dessen geworden, wie es mit dem MDR als Sprachrohr der AfD aussehen könnte. Mit großem Interesse habe ich ihre Sendung "Fakt ist" verfolgt und meine Erwartungen sind nicht enttäuscht worden. Ich wusste, dass sie versuchen werden, die Proteste - insbesondere die von Widersetzen - zu delegitimieren. Sie haben versucht, das Bild von Chaostagen ins Gedächtnis ihrer Zusehenden einzupflanzen. Sie haben versucht, Kosten für Polizeieinsätze ("...in Zeiten leerer Kassen") aufzulisten (interessiert Sie das auch, wenn zweimal im Jahr die Polizei das Thüringenderby Erfurt-Jena absichern muss), um was genau zu erreichen? Wut der Bevölkerung gegen die Protestierenden?
Und wissen Sie was? Es ist Ihnen nicht gelungen. Alle Teilnehmenden von Widersetzen, sogar der Innenminister haben versucht Ihnen klarzumachen, dass Protest gegen eine rechtsextreme Partei legitim ist.
Sie sind zudem Ihrer journalistischen Sorgfaltspflicht nicht nachgekommen, denn dann hätten Sie erwähnt, dass es Stadtversammlungen für Bürger der Stadt - kommen Sie doch am 16.6. einfach mal dazu - gibt, dass Freiwillige von Widersetzen und Studis gegen Rechts bislang an 11.000 Haustüren geklingelt haben, um die Unterstützung der Bürger für die Proteste in persönlichen Gesprächen abzuholen und die Hintergründe zu erklären, dass Einzelhändler und Gewerbetreibende die Proteste mit einem offenen Brief unterstützen.
Mit keinem Satz haben Sie den historischen Kontext erwähnt, in dem der Bundesparteitag stattfindet - 100 Jahren auf den Tag genau nach dem ersten Reichsparteitag der NSDAP in Weimar. Mit keinem Wort haben Sie erwähnt, dass die Partei in Teilen gesichert rechtsextrem und verfassungsfeindlich ist.
Warum?
Ich hoffe, Sie konnten heute erkennen, dass wir bei Widersetzen und bei Zusammenstehen mit Herzblut und Optimismus für den Erhalt unserer Demokratie kämpfen und dabei gewaltfreien zivilen Ungehorsam ausüben, weil wir anders nicht genug gehört werden - auch nicht von Ihnen.
Bei 50.000 erwarteten Protestierenden kann man selbstverständlich nicht die Hand für alle ins Feuer legen, dass es keinen "Krawall" gibt. Gleichwohl es nicht das Ziel unserer Proteste ist, bin ich fest davon überzeugt, dass Ihre Berichterstattung am 4.7.2026 genau auf den von Ihnen herbeigebeteten Krawall fokussiert sein wird. Viel Erfolg beim Finden solcher Szenen.
taz