29/08/2026
Ein weiterer Weg, wie Israel Palästinenser foltert und ihr Leben zerstört. Auf dem Weg über behandelbare Krankheiten wie Krätze, die ein Jugendlicher, den man ohnehin nicht hätte anfassen dürfen, im israelischen Gefängnis bekommt. All dies unter der Aufsicht der "einzigen Demokratie im Nahen Osten" – mit Richterin Daphna Barak-Erez zum Beispiel, die regelmäßig zu Vorträgen über "Rechtssicherheit unter Terrorbedrohung" oder ähnliche euphamistische Titel eingeladen wird, die es ihr erlauben, Karriere aus dieser Grausamkeit zu schlagen – und zwar von der Humboldt-Universität zu Berlin.
Gideon Levy schreibt:
"An seinem 16. Geburtstag wurde Mohammad Sliman das Bein oberhalb des Knies amputiert. Das war am 13. August, vor etwa zwei Wochen, aber es ist fraglich, ob der Junge das weiß. Er liegt auf der Intensivstation der Abteilung für Herz- und Thoraxchirurgie im Krankenhaus "Shaare Zedek" ("Tore der Gerechtigkeit" auf Hebräisch. A.d.R.) in Jerusalem und sein Blick ist zur Decke gerichtet. Er reagiert kaum und kommuniziert kaum mit seiner Umgebung. Am Montag dieser Woche wurde er vom Beatmungsgerät befreit, und seitdem hat sich sein Zustand verbessert; am Wochenende wird er wahrscheinlich auf eine normale Station verlegt werden.
Am vergangenen Freitag unterzog er sich einer langwierigen offenen Herzoperation, der zweiten Operation zum Austausch seiner Herzklappe, die aufgrund einer Krätze-Erkrankung (Skabies), die er im Gefängnis bekam, infiziert war. Weil diese Hautkrankheit dort nicht angemessen behandelt wurde, breitete sich die Infektion in seinem gesamten Körper aus, zuerst im Harntrakt, dann im Herzen, im Bein und wahrscheinlich auch im Gehirn, und es besteht die Gefahr von Langzeitschäden. Seine Zukunft ist ungewiss.
Die ersten Wochen im Krankenhaus verbrachte er gefesselt an drei Gliedmaßen, mit vier Wärtern, die ihn bewachten. Selbst als er nach einer rapiden Verschlechterung seines Zustandes in den Operationssaal gebracht wurde, war er gefesselt. Auch als er betäubt und beatmet wurde, war er angekettet, und seinen Eltern wurde der Besuch untersagt. Als die Ärzte der Abteilung, in der er hospitalisiert ist, seine Eltern über seinen Zustand informierten, zeigte sich der Israelische Gefängnisdienst (IPS) empört und rügte die Krankenhausleitung. Erst als der Fall vor dem Obersten Gerichtshof verhandelt wurde, teilte der IPS seine sofortige Freilassung mit. Seitdem liegt er im Krankenhaus, ohne dass klar ist, wer von nun an für seine Behandlungskosten aufkommt.
Der Leiter der Abteilung für Herz- und Thoraxchirurgie, Dr. Danny Fink, tut jetzt alles in seiner Macht Stehende, um eine geeignete Reha-Einrichtung für ihn zu finden und auch die Finanzierung für eine Prothese zu sichern. Zusammen mit dem stellvertretenden Krankenhausdirektor, Prof. Dan Turner, sind diese beiden hingebungsvollen Ärzte entschlossen, dem Jungen bei seiner Genesung zu helfen. Fink sagte diese Woche, dass er ihn nicht entlassen werde, bis eine Reha-Einrichtung gefunden sei, die ihn aufnehmen könne. Seine Eltern, die seit etwa einem Monat Tag und Nacht an seiner Seite sind, haben Angst, dass er zurück in das Westjordanland geschickt wird, wo es keine ausreichend guten Reha-Einrichtungen gibt, um ihr Kind zu retten.
Der Arzt schrieb: "Er wird von vier Wärtern bewacht, die Fesseln beeinträchtigen die Behandlung und seine Fähigkeit, sich zu erholen. Ich verstehe nicht, welche Gefahr er darstellt und wohin er fliehen soll!!!"
Das gesamte Leben des Jungen und seiner Eltern brach innerhalb eines halben Jahres zusammen. In unserem Gespräch diese Woche im Café unterhalb der Station, auf der ihr Sohn liegt, hörten die Eltern nicht auf, uns die Fotos von ihm vor seinem Unglück zu zeigen. Er war ein kräftiger, gesunder, lebenslustiger Junge, der davon träumte, Tierarzt zu werden. Hier ist er auf einem Pferd und hier posiert er mit einem jungen Reh. Hier wird er von seinem Vater umarmt, und hier ist das letzte Foto, als er noch ein gesunder Mensch war: Einige Stunden bevor die Soldaten ihn aus seinem Bett holten, fotografierten ihn seine Eltern, wie er ein Lehrbuch in der Hand hielt, aus dem er für die morgige Prüfung in Naturwissenschaften lernte. Zu dieser Prüfung trat er nie an.
Mohammad, ein Schüler der 10. Klasse, Sohn seiner Eltern Musa (50, arbeitslos) und Sharifa (45), hat sechs Geschwister und lebt im palästinensischen Dorf Tuqu' in der Nähe von Bethlehem. Am 25. Februar dieses Jahres wurden die Familienmitglieder mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen: Die Armee brach in ihr Haus ein. Die Soldaten verlangten die Ausweise und zeigten dann auf Mohammads Namen, der auf dem Ausweis seines Vaters stand, und erklärten, sie wollten ihn mitnehmen. Mohammad wurde gefesselt, die Augen wurden ihm verbunden, und er wurde in Gewahrsam genommen. Seine Eltern sahen ihn nie wieder auf seinen eigenen Beinen stehen. Seine Mutter bat noch darum, ihm einen Trainingsanzug gegen die Kälte mitzugeben, aber die Soldaten weigerten sich. Er wurde in das Gefängnis Ofer gebracht. Die Eltern, die keine Ahnung hatten, warum ihr Sohn mitgenommen wurde und wohin – die Soldaten erklärten natürlich nichts – eilten, um einen Anwalt zu engagieren.
Zwei Monate vergingen, bis seine Eltern ihn zum ersten Mal für einen kurzen Augenblick auf dem Videobildschirm im Militärgericht in Ofer sehen konnten. Bis dahin wussten sie nichts über ihn. Vor Gericht erfuhren sie, dass ihm das Werfen von Gegenständen vorgeworfen wird. Es war ihnen verboten, mit ihm zu sprechen. Er war damals noch nicht 16. Durch den Bildschirm schien er seinen Eltern in einem noch einigermaßen guten Zustand zu sein. Die Anhörung wurde um zwei Monate vertagt. Anfang Juni gab es Verhandlungen, wonach er in einem Vergleich für schuldig befunden und zu sieben Monaten Haft verurteilt werden sollte – aber zur Unterzeichnung kam es nie.
Am 25. Juli, so berichten die Eltern, rief der Anwalt an und bat sie, ein Dokument zu unterschreiben. Es war eine Einverständniserklärung für eine offene Herzoperation ihres Sohnes in Shaarei Zedek. Bis zu diesem Moment wussten sie überhaupt nicht, dass er ein medizinisches Problem hatte; niemand hatte sich die Mühe gemacht, sie zu informieren. Später waren sie schockiert zu hören, dass er gefesselt in den Operationssaal gebracht worden war. Während er sich einer lebensgefährlichen Operation unterzog, waren sie eine halbe Autostunde entfernt und konnten nicht an seiner Seite sein, als er die Augen öffnete.
Am 30. Juli, fünf Tage nach der ersten Operation, schrieb der Abteilungsleiter Dr. Fink an den stellvertretenden Direktor Prof. Turner über den Zustand des Jungen. "Schon bei seiner Ankunft war er an Hand und Fuß gefesselt", beschrieb er. "Sein klinischer Zustand nach der Operation ist äußerst schwer, er liegt im Koma und reagiert nicht auf Schmerz, und außerdem entwickelte er eine schwere Ischämie im rechten Bein", ein früher Hinweis auf die bevorstehende Amputation. Der Arzt betonte die Bedingungen, auf denen der IPS bestand, obwohl er "keinerlei Sicherheitsrisiko für die Öffentlichkeit darstellt, und darüber hinaus beeinträchtigen die Fesseln jetzt die medizinische Behandlung und seine Fähigkeit, sich zu erholen. Die Fesselung an sich, und besonders in diesem Zustand, stellt meiner Meinung nach eine schwere Verletzung seiner Person dar, und ich fordere, dass die Fesseln sofort von ihm entfernt werden. Es sei daran erinnert, dass ihn die ganze Zeit über vier Wärter bewachen, und ich verstehe nicht, welche Gefahr er darstellt und wohin genau er fliehen soll!!!"
Die Menschenrechtsorganisation Physicians for Human Rights (PHR) hatte sich bereits früher eingeschaltet und beim Obersten Gerichtshof Petitionen gegen die Fesselung Mohammads und auch gegen das Verbot für seine Eltern, bei ihm zu sein, eingereicht. Der IPS wehrte sich gegen den Besuch seiner Eltern, solange er in Haft sei, um keinen gefährlichen Sicherheitspräzedenzfall zu schaffen: Seit dem 7. Oktober gibt es keine Familienbesuche für palästinensische Häftlinge. So kam es, dass während der Anhörung der Petition beim Obersten Gerichtshof, als die Staatsanwaltschaft erkannte, dass Richterin Daphne Barak-Erez den Besuch möglicherweise erlauben würde, ihr Vertreter erklärte, der Häftling sei einfach freigelassen worden. Plötzlich war die Sicherheitsgefahr verschwunden, die Wärter verließen den Raum, und die Eltern durften endlich ihren Sohn sehen. Das war am 30. Juli. Seitdem verlassen sie sein Bett nicht. Sie schlafen auf dem Boden des Familienzimmers, sammeln hier und da etwas zu essen auf und hoffen auf das Beste.
Diese Woche wurde eine weitere Petition beim Friedensgericht in Jerusalem, in seiner Funktion als Verwaltungsgericht, eingereicht, um zu verhindern, dass seine Eltern aus dem Krankenhaus verwiesen werden. Das Gericht stimmte der Auffassung zu, dass sie nicht abgewiesen werden dürfen, solange der Junge hospitalisiert ist, gab ihnen aber keine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung. Deshalb wagen sie es nicht, nach Hause zu gehen, aus Angst, sie könnten nicht mehr an das Bett ihres Sohnes zurückkehren. Ihre fünf anderen Kinder sind allein in Tuqu'. Vier von ihnen sind jünger als Mohammad.
Mohammad kam erstmals am 20. Juli nach Shaarei Zedek, als er in die Notaufnahme gebracht wurde. Dort wurde eine Entzündung im Harntrakt diagnostiziert, und er wurde mit Antibiotika per Infusion und einem Katheter zurück ins Gefängnis gebracht (etwa drei Monate zuvor hatte er sich mit Krätze infiziert, und seitdem hatte sich sein Zustand verschlechtert). Der IPS weigerte sich jedoch, ihn in dem Krankenhaus des Dienstes in Ramla, zu behandeln, weil er an Krätze erkrankt war, aus Angst, andere Patienten könnten sich anstecken. In diesem Zustand, in seiner Gefängniszelle, besserte sich sein Zustand nicht. Irgendwann fühlte er sich so schlecht, dass er selbst den Katheter herauszog. Am 25. Juli wurde er in kritischem Zustand zurück nach Shaare Zedek gebracht. Dort stellte sich heraus, dass sich die Infektion in seinem gesamten Körper ausgebreitet hatte. Ein leitender Arzt, der ihn im Krankenhaus behandelte, sagte uns diese Woche, dass er noch nie einen Patienten in einem so vernachlässigten medizinischen Zustand gesehen habe wie Mohammad, als er aus dem Gefängnis Ofer gebracht wurde. Im Krankenhaus wurde diagnostiziert, dass die Infektion seine Herzklappe befallen hatte und diese sofort ausgetauscht werden müsse.
Der Leiter der Abteilung für Inhaftierte bei PHR, Naji Abbas, sagt, der IPS lasse die Krätze in den Sicherheitsgefängnissen wüten, um die Misshandlung der Häftlinge zu verschlimmern. "Das ist anstelle von Schlägen", sagt er. Laut PHR gibt es derzeit Krätzeausbrüche in 40 Abteilungen der Gefängnisse; Tausende von Häftlingen sind infiziert, und der IPS unternimmt nichts, um die Ausbreitung der Krankheit zu stoppen oder die Betroffenen zu heilen. Abgesehen von der Qual kann diese Krankheit gefährlich sein. Der Fall von Mohammad ist nicht der einzige, der PHR von schwerwiegenden Komplikationen aufgrund von Krätze bekannt ist.
Der IPS antwortete: (hier kommt das übliche bla-bla-bla...) (...)
Laut den medizinischen Dokumenten, die PHR vorliegen, behauptete der IPS, Mohammad habe eine Krätze-Behandlung erhalten. Aber unter den eklatanten hygienischen Bedingungen in den Gefängnissen der palästinensischen Häftlinge, so Abbas, sei es unmöglich, die Ausbreitung der Krankheit zu stoppen.
Am vergangenen Freitag mussten die Ärzte Mohammads Herz erneut operieren und die Klappe erneut austauschen, nachdem auch die eingesetzte Klappe infiziert war. Seinen Eltern wurde gesagt, dass die Operation gefährlich sei, und sein Vater zögerte, die Einwilligung zu unterscheiben. Nur seine Mutter unterschrieb. Jetzt beschäftigt sie nur noch die weitere Behandlung ihres Sohnes und seine Rehabilitation. Während sie Handschuhe und Masken tragen und Einwegkittel anziehen, streicheln sie zärtlich ihren Sohn, der nur auf das Geschehen starrt."
The Israeli military detained a healthy Palestinian 16-year-old for 'throwing objects.' Now he's gone through two open-heart surgeries and the partial amputation of one of his legs – all because he was denied proper medical treatment in prison