12/04/2026
[HÜLLSTRUNGS KOFFERECKE - EIN GRABSTEIN - EINE TRAGISCHE GESCHICHTE] Ein friedlicher Familiengrabstein eben, denkt man erst... 160cm x 220 cm inklusiv Sockel, vor hundert Jahren hier aufgestellt am Südweg des Hauptfriedhofs. Ein Stein von eher unscheinbarer Gestalt, im Sommer eingewachsen von grünen Sträuchern und überragt von dickem knorrigen Totholz, ein inzwischen tief verwitternder Stein aus Muschelkalk. Aber ein Stein, der ob seiner Inschriften irgendwie bewog die Geschichten seiner Menschen zu erkunden. Grabsteine berichten viel, wenn man lernt sie zu lesen und das Besondere zu erkennen. Der Giebel des Steins zeigt ein kleines Abbild einer Frau in Trauerhaltung, gekleidet in ein wallendes Gewand. Die Buchstaben und Zahlen sind in einigen Zeilen nur noch rudimentär erhalten und zeigen teils andere Namen der hier Ruhenden, als die zur Grabstelle zugehörigen alten Kateikarten der Friedhofsverwaltung.
Ernst und Franziska Hüllstrung, Kaufleute aus Remscheid, verheiratet seit Anfang der 1890er, ziehen erst nach Bochum und dann 1910 weiter. Sie wollen sich im Handel versuchen, in einem Ort auf rasantem Weg zur Großstadt - Dortmund. Am Westenhellweg gründen sie HÜLLSTRUNGS KOFFERECKE und bieten Lederwaren und Reiseartikel an. Das Geschäft mit 5 Schufenstern, damals ein herausragendes Merkmal, wird in kurzer Zeit zur Institution. Ihre Ehe jedoch scheitert; die Zeitungen sprechen seinerzeit von "peinlichen Auseinandersetzungen". 1915 scheidet Ernst aus dem Unternehmen aus und arbeitet fortan als reisender Handelsvertreter. Franziska macht weiter und es kommt ein zweites Geschäft hinzu. Dieses übergibt sie nach wenigen Jahren an Tochter Irmgard und den Schwiegersohn Gustav Weustenhagen, allerdings gehen auch die beiden alsbald getrennte Wege; Scheidung > ihr Geschäft wird aufgelöst.
Aus der Beziehung von Irmgard und Gustav gehen zwei Kinder hervor. Der Junge verstirbt 1923 mit nur 7 Monaten, das Mädchen mit Kosename IRMELEIN 1925 mit nur 6 Jahren. Ernst Hüllstrung der Opa kümmert sich, und richtet eine Familiengrabstätte ein. Beide Kinder bekommen auf dem Grabstein jedoch seinen Familiennamen und nicht ihren Geburtsnamen Weustenhagen.
Die privaten und geschäftlichen Schicksalsschläge hinterlassen Spuren, so das Franziska und Irmgard ihren gemeinsamen Freitod beschließen. Am Abend des 21.12.1927 stellen sie ein Sofa in die Küche der gemeinsamen Wohnung, verkleben Fenster und Türen, dichten das Schlüsselloch und die Abflüsse ab, kleiden sich in "reiner Nachtwäsche" - und fluten den Raum mit Leuchtgas. So berichtet es Tags drauf die Dortmunder Zeitung in der Abendausgabe. Ernst Hüllstrung verkraftete die "traurige Familiensituation" nicht; man spricht später von Schwermut die ihn wohl schon lange plagte. Seine Haushälterin findet ihn eines Tages tot in seiner Wohnung liegend. Er hat sich fünf Jahre nach dem Freitod von Frau und Tochter in der dunklen Jahreszeit Anfang Januar 1931 erschossen. Die drei Generationen der "zerrissenen" Familie Hüllstrung ruhen hier jedoch gemeinsam.
Die erfolgreiche Idee von HÜLLSTRUNGS KOFFERECKE jedoch lebte noch Jahhrzehnte unter diesem Namen weiter, zeitweise unter den jüdischen Besitzern Heinrich und Elfriede Weiß. 1935 berichtete eine Dortmunder Zeitung, das unter der Kundschaft auch solche "aus nationalsozialistischen Gliederungen und welche aus der Wehrmacht" seien. Man versuchte in dem Artikel aber noch die Entschuldigung zu finden, das der Name HÜLLSTRUNG des Geschäfts dies ja nicht erkennen ließe. 1939 erscheint eine Zeitungsanzeige mit dem Hinweis, das dieses Traditionsgeschäft nun wieder arisch geführt werde. In den Adressbüchern Dortmunds ist das Geschäft bis Ende der 1950er Jahre nachweisbar.
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