11/08/2026
Ich weiß Genossen es ist viel Text aber man sollte sich die Zeit nehmen.
Die SPD-Basis entdeckt plötzlich, dass sie noch lebt.
von Christian Lukas-Altenburg ©®08/2026
Was sich derzeit in der SPD abspielt, hat durchaus das Zeug zu einer kleinen parteiinternen Revolution.
Nicht auf den Straßen, nicht mit Mistgabeln und Fackeln dafür ist die SPD schließlich viel zu regierungsfähig geworden.
Nein, die Revolution findet dort statt, wo sie für eine Parteiführung besonders unangenehm wird
an der Basis.
Und die sagt inzwischen ziemlich unmissverständlich: Genug ist genug.
Denn langsam dämmert offenbar auch den Genossinnen und Genossen vor Ort, dass ihre Partei gerade dabei ist, ihre eigene politische DNA im Berliner Regierungsbetrieb abzugeben
vermutlich irgendwo zwischen Koalitionsvertrag, Kabinettstisch und dem nächsten Kompromiss
mit der Union.
Die einstige Arbeiterpartei?
Nun ja.
Arbeiterpartei war gestern.
Heute könnte man die SPD gelegentlich für den linken Flügel der Union halten.
Man sitzt brav am Regierungstisch, nickt die politische Agenda des Kanzlers ab und versucht anschließend der eigenen Basis zu erklären, warum das alles natürlich sozialdemokratische Politik sei.
Das ist ungefähr so, als würde der Vegetarierverein begeistert eine Metzgerei eröffnen und anschließend erklären, man habe damit lediglich die Ernährungspolitik modernisiert.
Doch jetzt regt sich Widerstand.
Und zwar ausgerechnet dort,
wo Parteiführungen normalerweise besonders gerne ihre Organisationsfähigkeit loben an der Basis.
Die Botschaft lautet sinngemäß:
Wir machen das nicht mehr mit.
Und das ist für Lars Klingbeil und Bärbel Bas politisch weitaus unangenehmer als irgendein kritischer Zeitungsartikel. Denn Kritik von außen kann man aussitzen, ignorieren oder als „verkürzte Darstellung“ abheften.
Wenn aber die eigenen Leute anfangen zu fragen,
wo eigentlich die SPD geblieben ist,
wird es ungemütlich.
Dann geht es nicht mehr um ein paar unzufriedene Genossen.
Dann geht es um die Identität einer Partei.
Die SPD steht damit vor einem bemerkenswerten Dilemma.
Sie wollte regieren.
Sie wollte staatstragend sein.
Sie wollte Verantwortung übernehmen.
Und nun stellt ausgerechnet ihre eigene Basis die ketzerische Frage.
Ja, schön. Aber wofür eigentlich?
Denn eine Partei kann sich noch so oft „sozialdemokratisch“ nennen. Sie wird dadurch nicht automatisch sozialdemokratisch.
Ein Etikett ersetzt keine Politik.
Und ein rotes Parteibuch ersetzt schon gar
keine roten Linien.
Klingbeil und Bas sind deshalb mehr als nur angezählt. Sie stehen vor der viel unangenehmeren Frage,
ob ihnen ihre Partei noch folgt oder ob sie inzwischen nur noch versuchen, ihre Partei davon zu überzeugen, dass der eingeschlagene Kurs alternativlos sei.
Dieses Wort kennt man übrigens.
Alternativlos.
Politisch ist es ungefähr die höfliche
Umschreibung für.
„Wir haben uns entschieden.
Jetzt bitte keine Fragen mehr.“
Nur scheint die SPD-Basis inzwischen genau darauf keine Lust mehr zu haben.
Und so könnte aus dem Flüstern langsam ein Donnern werden.
Aus einzelnen kritischen Stimmen eine organisierte Unzufriedenheit.
Und aus der Unzufriedenheit irgendwann eine Personalfrage.
Denn wenn die Basis erst einmal zu dem Schluss kommt, dass die Parteiführung nicht mehr ihre Interessen, ihre Werte und ihre Traditionen vertritt, dann wird es für jede Führung gefährlich.
Dann hilft auch kein noch so routiniertes Parteitagslächeln.
Dann helfen keine wohlformulierten Pressemitteilungen.
Und irgendwann hilft auch der Hinweis auf „gemeinsame Verantwortung“ nicht mehr.
Dann heißt es schlicht:
Danke für die geleistete Arbeit.
Wir machen jetzt wieder SPD.
Das eigentlich Komische daran?
Die SPD muss gerade von ihrer eigenen Basis daran erinnert werden, dass sie eine eigenständige Partei ist.
Eine Partei mit einer langen Geschichte.
Eine Partei, die einmal für Arbeitnehmerrechte,
soziale Sicherheit, Aufstieg durch Bildung und gesellschaftlichen Zusammenhalt stand.
Und keine sozialpolitisch dekorierte Mehrheitsbeschaffungsmaschine für die Union.
Vielleicht erleben wir deshalb gerade tatsächlich
eine kleine Revolution.
Nicht weil die SPD plötzlich radikal geworden wäre.
Sondern weil ihre Mitglieder offenbar beginnen,
Nein zu sagen.
Und dieses kleine Wort könnte für Klingbeil, Bad
und die gesamte Parteiführung noch ziemlich groß werden.
Denn irgendwann ist auch die geduldigste Basis nicht mehr bereit, jeden Kurswechsel als strategische Meisterleistung zu verkaufen.
Dann wird aus Gefolgschaft Widerspruch.
Aus Widerspruch Widerstand.
Und aus Widerstand irgendwann die Frage,
die jede Parteiführung fürchtet.
Wer seid ihr eigentlich und wo ist unsere SPD geblieben?
Der Vorhang hebt sich.
Die Genossen nehmen Platz.
Und irgendwo im Berliner Willy-Brandt-Haus dürfte gerade jemand sehr angestrengt versuchen,
das Geräusch einer sich bewegenden Basis als „lebendige innerparteiliche Debatte“
zu verkaufen.
Natürlich.
Was sonst?
Der Kritiker lächelt.
Denn wenn eine Partei plötzlich entdeckt,
dass ihre eigene Basis nicht mehr alles abnickt,
ist das noch keine Revolution.
Aber es ist ein verdammt guter Anfang.
Deutschlandfunk