19/06/2026
Elon Musks Unterstützung für die AfD ist kein politischer Betriebsunfall und auch keine spontane Laune eines exzentrischen Unternehmers. Hier finden zwei Seiten zusammen, die sich in einem entscheidenden Punkt verstehen: Beide wollen möglichst wenige Regeln für Unternehmen, möglichst niedrige Steuern auf große Vermögen und möglichst schwache gesellschaftliche Gegenkräfte.
Musk schrieb im Dezember 2024 öffentlich: „Only the AfD can save Germany.“ Im Januar 2025 empfahl er den Deutschen in einem Gespräch mit Alice Weidel ausdrücklich, die AfD zu wählen. In den Wochen vor der Bundestagswahl bewarb er die Partei in zahlreichen Beiträgen vor einem Millionenpublikum auf seiner eigenen Plattform X. Das war keine neutrale Meinungsäußerung eines Privatmannes. Hier setzte der Eigentümer einer der weltweit wichtigsten Kommunikationsplattformen seine wirtschaftliche Macht und seine enorme Reichweite ein, um in einen deutschen Wahlkampf einzugreifen.
Warum ausgerechnet die AfD? Sicherlich spielen Musks Kulturkampf, seine Nähe zur internationalen Rechten und seine Feindschaft gegenüber liberalen und linken gesellschaftlichen Bewegungen eine Rolle. Aber hinter dem ganzen Gerede über Migration, „Wokeness“ und angeblich bedrohte Meinungsfreiheit steckt auch ein handfestes wirtschaftliches Interesse.
Musk lobte an der AfD ausdrücklich ihre Positionen zu Steuern, Regulierung und Marktpolitik. Genau dort liegt die materielle Gemeinsamkeit: Die AfD verspricht Unternehmern einen Staat, der sich weitgehend zurückzieht. In ihrem Bundestagswahlprogramm fordert sie, staatliche Eingriffe in den Markt auf ein Minimum zu reduzieren, Unternehmenssteuern zu senken, die Vermögensteuer dauerhaft abzuschaffen und die Erbschaftsteuer vollständig zu beseitigen. Außerdem will sie das deutsche Lieferkettengesetz und die europäische Lieferkettenrichtlinie abschaffen.
Das muss man übersetzen: Von der Abschaffung der Erbschaftsteuer profitiert nicht die Altenpflegerin, die vielleicht die Waschmaschine ihrer Mutter erbt. Davon profitieren vor allem Menschen, die große Unternehmen, Immobilienbestände und Millionenvermögen übertragen. Und das Lieferkettengesetz ist nicht einfach nur „Bürokratie“. Es soll große Unternehmen dazu verpflichten, sich mit Menschenrechtsverletzungen, Kinderarbeit, Ausbeutung und gefährlichen Arbeitsbedingungen in ihren Lieferketten zu befassen. Wer solche Regeln abschaffen will, entlastet nicht den Beschäftigten, sondern den Konzern.
Auch bei den Löhnen zeigt sich, wie dünn die angebliche Sozialpolitik der AfD ist. Als der gesetzliche Mindestlohn 2022 auf zwölf Euro erhöht wurde, stimmte die AfD im Bundestag nicht dafür. Bis heute lehnt sie eine politische Erhöhung auf einen festgelegten höheren Betrag ab und verweist stattdessen auf die Mindestlohnkommission. Tarifbindung, Tariftreue und eine stärkere Durchsetzung von Tarifverträgen gehören ebenfalls nicht zu ihren politischen Schwerpunkten. Der DGB und die Hans-Böckler-Stiftung kommen deshalb zu dem Ergebnis, dass die AfD beim kollektiven Arbeitsrecht nicht auf der Seite der Beschäftigten steht.
Beim Achtstundentag sollte man allerdings genau bleiben. Die AfD fordert gegenwärtig nicht ausdrücklich seine vollständige Abschaffung. Im Januar 2026 erklärte ihre Bundestagsfraktion sogar, das Arbeitszeitgesetz grundsätzlich erhalten zu wollen. Gleichzeitig spricht sie von „Flexibilisierung“, betont die bereits bestehenden Möglichkeiten zur Abweichung und lehnt eine weitere Begrenzung der wöchentlichen Höchstarbeitszeit ab. Das bedeutet: Die AfD verteidigt nicht den historischen Achtstundentag als unverrückbare Schutzgrenze, sondern betrachtet Arbeitszeit vor allem unter dem Gesichtspunkt betrieblicher Flexibilität.
Bei Musk ist die Sache noch deutlicher. Er hat über Jahre hinweg öffentlich gegen Gewerkschaften argumentiert. In einem bekannten Beitrag fragte er, warum Tesla-Beschäftigte Gewerkschaftsbeiträge zahlen und dafür angeblich ihre Aktienoptionen verlieren sollten. Die US-Arbeitsbehörde wertete die Aussage zunächst als unzulässige Drohung gegenüber Beschäftigten, die sich gewerkschaftlich organisieren wollten. Ein Berufungsgericht hob die angeordnete Löschung später aus verfassungsrechtlichen Gründen auf. Der Vorgang bleibt trotzdem aufschlussreich: Musk behandelte gewerkschaftliche Organisierung nicht als legitimes Recht der Beschäftigten, sondern stellte sie als finanzielles Risiko für die Belegschaft dar.
Noch grundsätzlicher ist, dass Musks Unternehmen SpaceX juristisch gegen die amerikanische Arbeitsbehörde NLRB vorgegangen ist. Diese Behörde überwacht Gewerkschaftswahlen und soll Beschäftigte vor unfairen Praktiken der Arbeitgeber schützen. Wer die verfassungsrechtliche Grundlage einer solchen Institution angreift, führt keinen kleinen Streit über einzelne Vorschriften. Er greift einen zentralen Teil des amerikanischen Systems zum Schutz kollektiver Arbeitnehmerrechte an.
Auch in Grünheide erkennt man das Muster. Tesla hat dort zwar einen Betriebsrat, weil das deutsche Recht dessen Wahl ermöglicht. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass Musk plötzlich ein Freund der Mitbestimmung geworden wäre. Die IG Metall musste unter erheblichem Gegenwind um Einfluss kämpfen. Bei der Betriebsratswahl 2024 wurde sie mit 39,4 Prozent stärkste Liste, erhielt aber keine Mehrheit. Bei der Wahl im März 2026 bekam sie 13 von 37 Sitzen; den Vorsitz behielt erneut die arbeitgebernähere Liste Giga United. Von einer gewerkschaftlich geprägten Betriebskultur, wie sie in vielen deutschen Autowerken üblich ist, ist Tesla weiterhin weit entfernt.
Natürlich kann ein Unternehmer Arbeitsplätze schaffen, technische Entwicklungen vorantreiben und zugleich gegen starke Gewerkschaften sein. Das ist kein Widerspruch. Es ist klassische Unternehmerpolitik. Musk will Beschäftigte, die sich mit seinem Unternehmen identifizieren, außergewöhnliche Leistungen bringen und seiner Vision folgen. Was er nicht will, sind unabhängige Organisationen, die ihm auf Augenhöhe gegenübertreten, Tarifverträge durchsetzen oder Entscheidungen der Unternehmensleitung begrenzen.
Und genau deshalb passt seine Unterstützung für die AfD so gut. Die AfD redet viel über „die kleinen Leute“, über den Handwerker, den Facharbeiter und den angeblich vergessenen deutschen Steuerzahler. Aber wenn es konkret wird, verlangt sie Steuersenkungen für Unternehmen und große Vermögen, die Abschaffung der Erbschaftsteuer, weniger Regulierung und weniger verbindliche soziale Standards. Sie lenkt den Ärger der Beschäftigten nach unten – gegen Erwerbslose, Migranten und andere Schwächere – während sie wirtschaftspolitisch denen entgegenkommt, die bereits Kapital und Macht besitzen.
Das ist der eigentliche Zusammenhang: Musk unterstützt die AfD nicht, obwohl er ein extrem reicher Unternehmer ist. Er unterstützt sie auch deshalb. Ein Dollar-Billionär braucht keine Partei, die Betriebsräte stärkt, Vermögen besteuert oder die Macht großer Konzerne begrenzt. Er braucht eine Partei, die soziale Konflikte in nationale und kulturelle Konflikte verwandelt.
Dem Arbeiter wird erzählt, sein Problem sei der Flüchtling, der Bürgergeldempfänger oder die angeblich „woke“ Kollegin. Über den Mann, der über Unternehmen, Plattformen, Daten, Satelliten und ein kaum noch vorstellbares Vermögen verfügt, soll er dagegen staunen wie über einen Erlöser.
Aber Milliardäre und inzwischen sogar Dollar-Billionäre sind keine Schutzheiligen der arbeitenden Bevölkerung. Arbeitnehmerrechte wurden nie von oben verschenkt. Der Achtstundentag, Tarifverträge, Lohnfortzahlung, Urlaub, Kündigungsschutz und betriebliche Mitbestimmung wurden von Beschäftigten und Gewerkschaften gegen den Widerstand mächtiger Unternehmer erkämpft.
Wer Musk und die AfD zusammen betrachtet, sieht daher keine neue Arbeiterbewegung. Er sieht Klassenpolitik von oben – nur mit viel nationalistischem Lärm, damit unten möglichst niemand merkt, wem sie tatsächlich dient.
Elon Musks Unterstützung für die AfD
Musk schrieb im Dezember 2024 auf X: „Only the AfD can save Germany.“ Danach unterstützte er die Partei auch in einem Gastbeitrag und führte ein öffentlich übertragenes Gespräch mit Alice Weidel.
https://www.reuters.com/world/europe/elon-musk-gives-nod-german-far-right-party-election-looms-2024-12-20/
https://www.reuters.com/world/europe/elon-musk-backs-afd-party-german-newspaper-opinion-piece-2024-12-28/
https://www.reuters.com/world/europe/german-politicians-decry-elon-musks-afd-support-intrusive-election-influence-2024-12-29/
https://www.reuters.com/world/europe/berlin-says-elon-musk-trying-exert-influence-over-german-election-2024-12-30/
https://www.reuters.com/world/europe/how-musks-interview-with-german-afd-leader-squares-with-eu-laws-2025-01-09/
Musks ursprünglicher Beitrag auf X:
https://x.com/elonmusk/status/1869986946031988780
2. Musk ist inzwischen Dollar-Billionär
Durch den Börsengang von SpaceX überschritt Musks geschätztes Vermögen im Juni 2026 erstmals die Marke von einer Billion US-Dollar. Solche Vermögensangaben sind Schätzungen und können wegen Aktienkursen stark schwanken.
https://www.reuters.com/business/media-telecom/spacex-ipo-makes-elon-musk-worlds-first-trillionaire-2026-06-11/
https://www.forbes.com/sites/pr/2026/06/12/forbes-declares-elon-musk-as-the-worlds-first-trillionaire/
https://www.wsj.com/livecoverage/spacex-ipo-stock-market-06-12-2026/card/elon-musk-is-officially-world-s-first-trillionaire-ITVmBMl5897JmIsBJLle
Aktuelle Forbes-Schätzung:
https://www.forbes.com/profile/elon-musk/
3. AfD-Wahlprogramm: Steuern, Erbschaften und Deregulierung
Die wichtigste Primärquelle ist das offizielle Bundestagswahlprogramm der AfD. Darin finden sich unter anderem Forderungen nach Abschaffung der Erbschaftsteuer, Ablehnung einer Vermögensteuer, Unternehmensentlastungen und Rücknahme von Lieferkettenregelungen.
https://www.afd.de/wp-content/uploads/2025/02/AfD_Bundestagswahlprogramm2025_web.pdf
Einordnung durch die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg:
https://www.bundestagswahl-bw.de/wahlprogramm-afd
Berechnungen zu den finanziellen Auswirkungen der Parteiprogramme:
https://www.zew.de/fileadmin/FTP/gutachten/Bundestagswahlprogramme_ZEW_2025.pdf
https://www.iwkoeln.de/fileadmin/user_upload/Studien/policy_papers/PDF/2025/IW-Policy-Paper_2025-Einkommensteuer-Wahlprogramme.pdf
4. AfD und Mindestlohn
Bei der Abstimmung über die gesetzliche Erhöhung des Mindestlohns auf zwölf Euro im Juni 2022 stimmten die Regierungsfraktionen und Die Linke dafür. Die AfD unterstützte das Gesetz nicht. Das lässt sich in der offiziellen namentlichen Abstimmung des Bundestages nachprüfen.
https://www.bundestag.de/parlament/plenum/abstimmung/abstimmung?id=779
https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2022/kw17-de-mindestlohn-891072
https://www.bundestag.de/presse/hib/kurzmeldungen-896002
Weitere gewerkschaftliche Einordnung zur Arbeitnehmerpolitik der AfD:
https://www.dgb.de/gerechtigkeit/demokratie/afd-der-feind-der-beschaeftigten/
5. Musk, Tesla und Gewerkschaften in den USA
Musk schrieb 2018, Tesla-Beschäftigte könnten zwar eine Gewerkschaft wählen, fragte aber zugleich, warum sie Gewerkschaftsbeiträge bezahlen und Aktienoptionen verlieren sollten. Die US-Arbeitsbehörde wertete das als unzulässige Drohung. Das spätere Gerichtsverfahren drehte sich auch um die Frage, ob die angeordnete Löschung des Beitrags mit der Meinungsfreiheit vereinbar war. Der Inhalt und die Vorgeschichte sind im Gerichtsurteil dokumentiert.
Offizielles Urteil des US-Berufungsgerichts:
https://www.ca5.uscourts.gov/opinions/pub/21/21-60285-CV2.pdf
Die entscheidende Passage steht dort auf den ersten Seiten:
„But why pay union dues & give up stock options for nothing?“
7. Tesla Grünheide, IG Metall und Betriebsrat
Bei der Betriebsratswahl 2024 wurde die Liste der IG Metall mit 39,4 Prozent stärkste Liste, erhielt aber keine Mehrheit im gesamten Betriebsrat.
https://www.igmetall.de/im-betrieb/betriebsrat/betriebsratswahl-bei-tesla
Bei der Wahl im März 2026 erhielt die IG Metall 13 von 37 Sitzen. Die Liste Giga United behielt den Vorsitz.
https://www.tagesschau.de/wirtschaft/unternehmen/tesla-betriebsratswahlen-gewerkschaft-100.html
Die IG Metall focht die Wahl anschließend an. Sie wirft Tesla unter anderem Drohungen, Einschüchterungsversuche und eine ungleiche Behandlung der Listen vor. Das sind zunächst Vorwürfe der Gewerkschaft, über deren rechtliche Bewertung ein Gericht entscheiden muss.
https://www.igmetall.de/presse/pressemitteilungen/ig-metall-ficht-betriebsratswahl-bei-tesla-an
https://www.rbb24.de/wirtschaft/beitrag/2026/03/ig-metall-betriebswahl-tesla.html
https://www.deutschlandfunk.de/drohungen-und-einschuechterungsversuche-ig-metall-ficht-betriebsratswahl-bei-tesla-an-102.html
Arbeitsrechtliche Einordnung der Betriebsratswahl und des Vorwurfs einer arbeitgeberseitigen Wahlbeeinflussung:
https://verfassungsblog.de/tesla-ig-metall-betriebswahlen-union-busting/
8. Tesla und Tarifbindung
Tesla Grünheide ist weiterhin nicht tarifgebunden. Die Unternehmensleitung lehnt einen Tarifvertrag mit der IG Metall und die tarifliche 35-Stunden-Woche ab. Ende 2025 bezeichnete der Werksleiter die 35-Stunden-Woche als „rote Linie“.
https://www.welt.de/article69509feef6fc544dba9b52b8
Zum Vergleich: Die 35-Stunden-Woche ist in großen Teilen der westdeutschen Metall- und Elektroindustrie tariflicher Standard.
https://metalltarife.de/en/faq/
https://www.metall.nrw/fileadmin/content/Tarif/Wages_schedules/METALL_NRW_wages_shedule_2024-2026.pdf