20/08/2026
Großschadenslagen – Wenn Strukturen aufeinanderprallen
Vorweg erst einmal ein riesiges Dankeschön an alle Beteiligten, unabhängig ob organisierte Helfer wie z.B. Feuerwehren, Rettungsdienste, THW, Polizei… oder die vielen freiwilligen Helfer wie Landwirte, Lohnunternehmen, Speditionen (und die vielen kleinen unscheinbaren Helferlein im Hintergrund) die in den letzten Wochen nicht nur die Großbrände in Brandenburg, bei Köln und in Belgien an der Grenze zu Deutschland, sondern auch die vielen kleineren Wald- und Flächenbrände über ganz Deutschland hinweg bekämpft haben.
Anhand der Ereignisse der letzten Wochen möchte ich hier und jetzt ein paar Gedanken dazu äußern. Aufgrund der sich verändernden klimatischen Bedingungen werden die Wald- und Flächenbrände wahrscheinlich zunehmen. Daher ist es wichtig, dass die Erfahrungen die gesammelt werden nicht nur als örtliches Wissen verbleiben, sondern bundesweit verbreitet werden. Natürlich hat jede Region ihre Besonderheiten und nicht alles hat daher Allgemeingültigkeit.
Ich war nur ein stiller Beobachter von der Seitenlinie aus, aber ich kenne die Arbeit von Besonderen Aufbauorganisationen (BAO) die in solchen Lagen gebildet werden, ich weiß aber auch, zu was freiwillige Helfer in der Lage sind. Wichtig ist daher, dass die Erfahrungen beider Seiten jeweils ausgewertet und zusammengefügt werden. Ein verheddern in ein Kleinklein, Zuständigkeiten und möglicherweise sogar Schuldzuweisungen (wenn etwas nicht gut gelaufen ist) bringt nichts.
Wir alle sollten eines nicht vergessen:
Es gibt keinen perfekt abgelaufenen Einsatz.
Jeder Einsatz bringt Erkenntnisse, die den nächsten Einsatz besser ablaufen lassen können. Daher ist eine kritische Auseinandersetzung mit Einsätzen wichtig. Hier sollte dann zuallererst geschaut werden, wo strukturelle Probleme waren, aber auch, was besonders gut war und so zukünftig übernommen werden sollte. Kritik ist etwas Positives. Sie bringt uns voran, sie verbessert uns (alle), sie muss aber sowohl sachlich sein, als auch sachlich vorgetragen werden!
Wir haben in solchen Einsätzen auf der staatlichen Seite relativ starre hierarchische Strukturen, welche, aus entsprechenden Erfahrungen heraus, gebildet wurden. Hier geht es auch um Reserven vorhalten, Risiken abwägen und den Versuch das große Ganze zu betrachten.
Auf der anderen Seite haben wir aufgrund der heutigen technischen Entwicklungen (andere Fahrzeuge als noch von 30 Jahren oder Realzeit Internetkommunikation für Jedermann) ganz andere Möglichkeiten und Mobilisierungen auf Seite der freiwilligen Helfer. Die freiwilligen Helfer haben oftmals eine extrem große Motivation und wollen unbedingt irgendwie helfen und handeln.
Die Zusammenarbeit bei kleineren Bränden geht über lokaler Ebene meistens sehr gut, aber wenn auf einmal hunderte Fässer Wasser heranfahren und auch ausbringen haben wir ganz andere logistische Herausforderungen.
Anbei eine nicht vollständige Liste, was mir spontan aufgefallen/ in den Kopf gekommen ist.
- Wer nutzt welche Anschlüsse/Kupplungen? Gibt es für die unterschiedlichen Systeme Adapter und sind diese vorrätig?
- Wo habe ich Saugstellen für 50-200 Zubringerfässer? Sind diese Stellen überhaupt geeignet täglich hunderte von Fässern zu befüllen oder fehlt es dort an befestigten Untergrund?
- Wie sieht es mit Arbeitsschutz bei den freiwilligen Helfern aus (z.B. Rauchbelastung)?
- Wie sind die jeweiligen Regelungen für Versicherungen, wie erfahren die Helfer davon?
- Auf welchen Wegen werden diese Helfer mobilisiert und später koordiniert?
- Was kann überhaupt welches Fass? Die Landwirte/Lohner haben halt keine genormten Einsatzfahrzeuge.
- Was brauchen Wasserwerfer oder Flugfeldlöschfahrzeuge an Wasserzuführung um effektiv arbeiten zu können? Können die direkt befüllt werden oder werden dazu besser Zwischentanks mit starken Pumpen eingesetzt?
- Wie kann die Polizei effektiv bei der Verkehrsführung oder dem geleiten von Helferfahrzeugen helfen?
- Wie erfahren andere, dieses Mal nicht betroffene Landkreise/Feuerwehren von den Erkenntnissen der dieses Mal betroffenen? Wie erfahren es die potentiellen freiwilligen Helfer (speziell die mit entsprechender spezieller Ausstattung)?
- Welche Maßnahmen waren besonders effektiv oder haben sich sehr gut ergänzt?
- Wie sieht es überhaupt mit der Prävention von solchen Bränden aus (z.B. Rauchen im Wald, Wassermitnahme bei Arbeiten, die verstärkt Brände auslösen können, aber auch Landschaftsstrukturen)? Helfen mehr dauerhaft angelegte Brandschneisen?
- Was kann überhaupt welches Ackergerät? Wo bringt mir ein Mulcher was, wo ein Grubber oder ein Pflug? Kann mir eine Beregnungsanlage etwas bringen?
- Wo wird überhaupt mal entsprechend zusammen geübt?
- Wo haben Landwirte in der Feldmark Brunnen, welche Kapazität haben diese?
- Wie können Helferströme effektiv geleitet werden? Zu viele Helfer überlasten auch schnell die Systeme und führen zu mehr Problemen.
- Wie sieht es bei anderen Großschadenslagen aus? Hochwasser, Schnee, Deichbruch usw.? Auf lokaler Ebene sicherlich auch durch die örtliche alltägliche Kommunikation untereinander problemlos, aber was ist, wenn ein ganzer Landkreis oder mehrere Landkreise betroffen sind?
Daher eine Bitte an euch alle:
Wir werden zukünftig wahrscheinlich mehr solcher Lagen haben. Versucht von allen Seiten aus (Landkreise, Feuerwehren, Landwirte/Lohner usw.) aufeinander zuzugehen, euch auszutauschen und zu schauen was wie möglich ist.
Es wird nie den perfekt abgelaufenen Einsatz geben, aber zusammen, überregional voneinander zu lernen und gegenseitig die jeweiligen Strukturen und Arbeitskulturen zu kennen bringt uns gemeinsam den perfekt abgearbeiteten Einsatz sehr nahe.
Vielleicht finden sich ja auch von allen Seiten Vertreter zusammen, die öffentlich für alle anderen zusammen einen Erfahrungsaustausch/-bericht durchführen?
Das Bild stammt aus der Pressemitteilung der Kreisfeuerwehr Rotenburg - Wümme vom Flächenbrand vom14.08.2026 bei Godenstedt.