08/12/2025
Es braucht endlich wirkliche Reformen, die ständisches Denken überwindet und Bildungsgerechtigkeit schafft.
Die Angst vorm Klassenzimmer
Ein Forschungsprojekt identifiziert, welche Faktoren Bildungswege beeinflussen – und welche Hürden sich beseitigen ließen.
Natascha Ickert
Herkunft und Geschlecht bestimmen in Österreich häufig schon früh, welchen Bildungsweg jemand einschlägt. Doch ein neues Forschungsprojekt zeigt, dass hinter diesen Mustern mehr steckt als soziale Faktoren. Die neuen Ergebnisse legen sogar nahe, dass manche Hürden im Bildungssystem überraschend leicht veränderbar wären – wenn man sie erst einmal erkennt.
Das Forschungsprojekt Aspire der Fachhochschule Oberösterreich (FH OÖ) untersucht seit 2022, wie Jugendliche Bildungsentscheidungen treffen. Gefördert wird das Projekt vom Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank. Es läuft noch bis 2026.
Rund 1200 Jugendliche sowie deren Eltern und Lehrkräfte werden dafür über drei Jahre hinweg begleitet und befragt. Dadurch sollen die psychosozialen Faktoren sichtbar werden, die jenseits von Noten und sozioökonomischem Hintergrund über Bildungswege entscheiden.
Mehr Chancen
„Wir wollten uns mit dem Wissen, dass Herkunft und Geschlecht Bildungswege bestimmen, nicht zufriedengeben“, sagt Dagmar Strohmeier, Professorin für Interkulturelle Kompetenz und Leiterin des Projekts Aspire. Stattdessen fokussiert diese Forschung auf jene Einflussgrößen, die veränderbar sind – etwa Selbstwirksamkeit, Schulangst, Motivation und das Zusammenspiel zwischen Unterricht und sozialem Umfeld.
Eine zentrale Erkenntnis: Die gefundenen Hindernisse könnten so verändert werden, dass Mädchen sowie allgemein Kinder mit Migrationshintergrund deutlich mehr Chancen in der Schule und im weiteren Berufsleben haben.
Ein jüngst veröffentlichter Teil der Studie zeigt unter anderem, dass Mädchen sich grundsätzlich weniger zutrauen als Jungen, wenn es um Computer und neue Medien geht. Die befragten Mädchen können sich auch seltener eine Lehre oder weiterführende Ausbildung im IT-Bereich vorstellen.
Das zeigt, dass diese geringere digitale Selbstwirksamkeit sich direkt auf ihre Ausbildungsziele auswirkt und damit auch auf die Berufswahl. Bei Jungen sei das Gegenteil zu beobachten, auch weil sie oft mehr Zeit online verbringen und so Kompetenzen aufbauen, meint die Forscherin.
Ein weiterer Forschungsschwerpunkt liegt auf Jugendlichen mit Migrationserfahrung. Die Forschung hat hier Spannendes ergeben: Diese Schülerinnen und Schüler weisen eine höhere Lernmotivation auf. Auch deren Eltern haben oft den großen Wunsch nach sozialem Aufstieg und wollen deshalb, dass ihre Kinder besonders gut in der Schule sind.
In der Forschung nennt man dieses Phänomen Bildungsaspiration. Doch diese Hoffnung wird oft nicht zur Realität. Denn die migrantischen Jugendlichen haben im Schnitt teils schlechtere Schulnoten, was ihren weiteren Bildungsweg massiv beeinflusst.
„Schulleistungen sind die Eintrittskarte für jede weiterführende Schule“, sagt Strohmeier. „Und schlechtere Noten sind zentrale Hürden, obwohl die Motivation oft höher ist als bei Jugendlichen ohne Migrationserfahrungen.“ Doch eines wundert die Forscherin: Bei Jugendlichen ohne Migrationshintergrund zeigt sich ein erwartbares Muster. Je stärker die Bildungsaspiration der Eltern, desto besser schneiden ihre Kinder in der Schule ab. Dieser Zusammenhang trifft jedoch nicht auf Jugendliche mit Migrationserfahrung zu.
Denn obwohl ihre Eltern im Schnitt sogar eine besonders hohe Bildungsaspiration haben, spiegeln sich diese Erwartungen nicht in entsprechend guten Leistungen deren Kinder wider. Warum das so ist, war nicht Teil der Forschungsstudie. Aber bei den Jugendlichen selbst wurden mehrere relevante Einflussfaktoren identifiziert.
Eine der Antworten ist Schulangst. Jugendliche mit Migrationserfahrungen berichten signifikant häufiger von leistungsbezogener Angst. „Und das führt fast zwangsweise zu schlechteren Noten, selbst wenn man den Stoff eigentlich kann“, so Strohmeier. Gerade hier sieht sie großes praktisches Potenzial: „Schulangst kann man reduzieren. Das wäre einer der am leichtesten veränderbaren Risikofaktoren.“
Das Forschungsprojekt identifiziert außerdem eine Gruppe von Jugendlichen, bei der die Einschätzungen auseinanderdriften: Eltern und Jugendliche streben eine Matura führende Schule an – Lehrkräfte sehen das jedoch skeptischer. Besonders häufig betrifft das Mädchen mit Migrationserfahrung.
„Das hat uns wirklich überrascht“, sagt Strohmeier. Eine abschließende Erklärung gibt es noch nicht, doch eine Hypothese liegt nahe: unbewusste Vorurteile. „Es könnte sein, dass Lehrkräfte Mädchen aus migrantischen Gruppen weniger zutrauen“, mutmaßt Strohmeier. Diese These müsse jedoch in weiteren Analysen geprüft werden.
Deutschunterricht anpassen
Ein weiteres Ergebnis betrifft den Deutschunterricht. Wenn Lehrkräfte dort Zugehörigkeit und Inklusion aktiv fördern, haben die Schülerinnen und Schüler mehr Freude im Unterricht, besonders die Jugendlichen, deren Muttersprache nicht deutsch ist. Ein inklusiver Unterrichtsstil bedeute, „dass jedes Kind das Gefühl hat, Teil der Klasse zu sein, unabhängig davon, wie gut sein Deutsch ist“, erklärt Strohmeier. Das steigere Motivation, Noten und in weiterer Folge die Chancen auf höhere Bildungswege.
Ob Geschlecht, Herkunft oder Migrationserfahrung – die bisherige Forschung bestätigt die bekannten Muster der Bildungsungleichheit. Doch die Studie der FH Oberösterreich zeigt, dass man etwas verändern kann.
Die Aufgabe eines chancengerechten Bildungssystems sei es daher, Risiken wie Schulangst zu reduzieren und Ressourcen wie Motivation zu stärken. Oder wie Strohmeier es formuliert: „Kinder sollen ihre Bildungsentscheidungen nicht aufgrund von Herkunft oder Geschlecht treffen müssen, sondern aufgrund ihrer Fähigkeiten.“
Weiterer Berufsweg
Wie wir aufwachsen, hat weitreichende Auswirkungen – nicht nur auf unsere Schulzeit, sondern im weiteren Verlauf auf das Berufsleben. Zahlreiche Studien zeigen, dass Menschen aus einkommensschwachen Familien seltener höhere Bildungsabschlüsse erreichen und deutlich seltener in Führungspositionen sind.
Denn auch der Start ins Berufsleben hängt stark davon ab, welche Netzwerke oder welches informelle Wissen man mitbringt. Wie kommt man an ein Praktikum? Wem erzählt man von seinen Talenten? Wer öffnet einem Türen? Selbst mit Engagement und Talent kann der soziale Hintergrund eine unsichtbare Grenze sein. Viele schaffen den Sprung nicht, weil sie gar nicht erst Zugang zu den richtigen Strukturen bekommen. Deswegen sei es so wichtig, betont Studienautorin Strohmeier, dass Jugendliche schon in der Schule richtig gefördert werden – auch, um später mehr Chancen am Arbeitsmarkt zu haben.
Die Angst vorm Klassenzimmer
Herkunft und Geschlecht bestimmen in Österreich häufig schon früh, welchen Bildungsweg jemand einschlägt. Doch ein neues Forschungsprojekt zeigt, dass hinter diesen Mustern mehr steckt als soziale Faktoren...