11/06/2026
Viel Polemik, wenig Energiewirtschaft
Die FPÖ Harmannsdorf versucht in ihrer Aussendung Juni 2026 den Eindruck zu erwecken, als sei Österreich bei der Energiewende praktisch am Ziel angekommen und als wären neue Windkraftanlagen daher überflüssig. Ein genauer Blick auf die Fakten zeigt jedoch, dass diese Argumentation auf mehreren irreführenden Verkürzungen beruht.
Der zentrale Trick besteht darin, den hohen Anteil erneuerbarer Energien bei der Stromerzeugung mit dem gesamten Energieverbrauch Österreichs zu vermischen. Tatsächlich stammt mittlerweile ein Großteil des österreichischen Stroms aus erneuerbaren Quellen. Der gesamte Energiebedarf des Landes – also inklusive Verkehr, Industrie und Heizungen – wird aber weiterhin in erheblichem Ausmaß durch fossile Energieträger gedeckt. Wer behauptet, Österreich habe seinen Energiebedarf bereits zu 90 Prozent erneuerbar gedeckt, zeichnet daher ein Bild, das mit der Realität wenig zu tun hat.
Ebenso fragwürdig ist die Behauptung, man müsse lediglich bestehende Anlagen effizienter machen und intelligente Netze einsetzen. Natürlich sind Repowering und Netzmodernisierung sinnvoll. Sie ersetzen aber nicht den notwendigen Ausbau zusätzlicher Erzeugungskapazitäten. Ein intelligentes Stromnetz produziert keinen einzigen zusätzlichen Kilowattstunden Strom. Gleichzeitig steigt der Bedarf durch Wärmepumpen, Elektromobilität und die Elektrifizierung der Industrie weiter an. Wer mehr Stromverbrauch durch klimafreundliche Technologien fordert, muss auch sagen, woher dieser Strom kommen soll.
Besonders auffällig ist das Argument der sogenannten „Grundlastfähigkeit“. Dieses stammt aus einer Zeit, in der Stromsysteme von wenigen großen Kohle- und Atomkraftwerken dominiert wurden. Moderne Energiesysteme funktionieren anders: Sie kombinieren Windkraft, Photovoltaik, Wasserkraft, Speichertechnologien, Lastmanagement und internationale Stromnetze. Die Frage lautet heute nicht, ob Windkraft grundlastfähig ist, sondern wie verschiedene Technologien gemeinsam eine sichere Versorgung gewährleisten. Wer Windkraft deshalb grundsätzlich ablehnt, argumentiert mit einem Stromsystem des vergangenen Jahrhunderts.
Auch der Hinweis auf die hohe Zahl von Windrädern in Niederösterreich überzeugt nicht. Niederösterreich produziert seit Jahrzehnten nicht nur für sich selbst, sondern für das gesamte österreichische Stromnetz. Niemand käme auf die Idee zu behaupten, Tirol dürfe keine Wasserkraftwerke mehr betreiben, weil dort bereits genügend Strom für die eigenen Haushalte erzeugt wird. Energieversorgung endet nicht an Gemeinde- oder Landesgrenzen.
Besonders widersprüchlich wird die Argumentation beim Verweis auf Wasserstoff als Alternative zur Windkraft. Grüner Wasserstoff entsteht nicht aus dem Nichts. Er benötigt große Mengen erneuerbaren Stroms für die Elektrolyse. Wer also mehr Wasserstoff fordert, muss konsequenterweise auch mehr Wind- und Solarstrom befürworten. Das eine gegen das andere auszuspielen ergibt energiewirtschaftlich keinen Sinn.
Natürlich kann man über konkrete Standorte, Naturschutzfragen, Landschaftsbild oder Bürgerbeteiligung diskutieren. Das sind legitime Anliegen. Was aber nicht überzeugt, ist die Behauptung, Österreich brauche keine zusätzlichen Windkraftanlagen mehr. Die Fakten sprechen eine andere Sprache: Der Strombedarf wird steigen, fossile Energieträger müssen ersetzt werden, und Windkraft gehört zu den kostengünstigsten heimischen Energiequellen.
Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob Österreich auf zusätzliche erneuerbare Energie verzichten kann. Die Frage lautet, ob man ernsthaft glaubt, die Energiewende werde ohne sie funktionieren. Die Antwort darauf fällt deutlich weniger bequem aus, als es manche politische Aussendung suggeriert.