22/09/2023
*C16-DIENST / Ein ganz normaler Tag*
- Teil 4 -
… wir sind auf Anflug … Leitstelle: „LSZ für C16, LSZ für C16! Wir korrigieren, der Patient ist nicht 40 Jahre alt, sondern erst 4 Jahre. Wiederhole 4 Jahre!“
Ich halte inne … na wenigstens sagen sie uns das jetzt und wir können uns darauf vorbereiten und nehmen den Kinderrucksack mit. In diesem ist alles für unseren kleinen und kleinsten Patienten an Board. Weil Kindernotfälle - Gott sei Dank - zu den eher selteneren Notfällen zählen, ist man gerade bei diesen emotional mehr gefordert.
Kinder sind nun mal KEINE kleinen Erwachsenen. Es sind eben Kinder. Vieles unterscheidet sie von Erwachsenen: Anatomie, Physiologie und damit auch die gewichtsadaptierten Dosierungen, die man nicht so locker aus den Ärmeln schüttelt. Außer man arbeitet im Spital in diesem Bereich.
Aber ein paar kluge Köpfe haben sich Werkzeuge für diese Notfälle ausgedacht, welche sich als sehr erfolgreich erwiesen haben und eigentlich schon als Standard gelten. Das segensreiche PEDITAPE- oder KINDERSICHER-System … dem englischen BROSELOW-Band nachempfunden. Hier wird das Kind mit einem Band vom Scheitel bis zur Sohle abgemessen, was in weiterer Folge einen Farbcode verifiziert. Dort ist dann wirklich alles Relevante (Atemwegssicherung, Narkose, Dosierungen, etc.) fertig ausgerechnet, was unheimlich viel Stress nimmt.
Endlich im Garten des Hauses angelangt, sitzt die Großmutter des Kindes mit dem kleinen Buben am Arm dichtlich besorgt auf einem Gartensessel und weint. Das Kind dagegen ist sehr still - was mir genau in diesem Moment gar nicht so recht ist - … ruhige Kinder in dieser Situation sind krank. Die Großmutter zeigt auf eine tote Hornisse, welche am Boden neben ihr liegt. Hornissengift soll weniger giftig sein als das von Bienen oder Wespen, der Stachel ist jedoch länger, steckt damit tiefer und schmerzt mehr. Am Tisch liegt ein Epi-Pen in der Kinderdosierung … ??? …. Die Großmutter berichtet, dass das Kind bereits einmal von einer Wespe gestochen wurde und deswegen den Pen verschrieben bekommen hat. Sie hat sich allerdings nicht getraut, diesen zu geben.
Mein Flugretter und ich erkennen die Situation: Jetzt ist flottes und besonnes Handeln angesagt. Das Kind hat bereits Schwellungen, rote Hautflecken und sichtliche Atmnot. Wir verabreichen den Pen an der Außenseite des Oberschenkels … man sagt, dass nach ein paar Minuten die Wirkung eintritt. Minuten, die gefühlt zu Stunden werden. In der Zwischenzeit lege ich einen venösen Zugang und verabreiche ein Allergiemittel und ein Kortison, wichtiger ist aber das Adrenalin.
Wir geben dem Kind unseren Kuschel-Hubschrauber … und entlocken dem Kleinen ein kleines Lächeln. Er zeigt ihn uns und sagt: „Hubschrauber!“ Oft wirken diese kleinen Geschenke wahre Wunder … auch unsere PIXI-Bücher sind da sehr gute Gehilfen.
In der Zwischenzeit weicht die fahle Hautfarbe und das Kind wird wieder rosiger … wir atmen durch. Nichtsdestotrotz gehört das Kind noch in einem Spital überwacht … in der Zwischenzeit ist die Mutter des Kleinen eingetroffen, wir klären sie auf und sie nimmt alles ziemlich gefasst hin, zumal die erste allergische Reaktion nicht so lange zurückliegt.
Das Kind in ihren Armen bringen wir die Mutter zum Hubschrauber, legen sie auf die Trage und das Kind auf ihren Bauch. Mit Gurten gesichert, im LKH Graz auf der Kinderabteilung angekündigt, hebt unser Gelber Engel ab. Gekonnt zirkelt der Pilot das 4-Millionen teure Fluggerät in die Lüfte. Der kleine Patient hält seinen Hubschrauber ganz fest an sich, legt seinen Kopf an die Brust seiner Mutter … sicher ein vertrautes Gefühl für ihn, ihren Herzschlag zu spüren und zu hören. „Ich bin sicher!“ … vermittelt der Kleine wortlos an mich. Und wir werden darauf achten, dass sich das nicht ändert.
Zufrieden schaue ich auf die Sauerstoffsättigung: 97% bei Raumluft. Die Brustwandeinziehungen haben aufgehört. Ich greife zum Notarztprotokoll, die Daten habe ich dankenswerterweise vom Piloten erhalten - der kümmert sich im Hintergrund oft darum. Ein kurzer Blick aus dem Seitenfenster auf das grüne Herz Österreichs … Wow, wie privilegiert bin ich, dass ich die Welt aus dieser Perspektive sehen darf. Das Farbenspiel der Natur aus der luftigen Höhe fasziniert mich jetzt seit 14 Jahren.
Ich liebe meinen Job, mit all seinen Höhen und Tiefen, Erfolgen wie Mißerfolgen … Zufriedenheit und Entspannung macht sich bei meinem Flugretter und mir nach der Übergabe an das diensthabende Team der Kinderambulant breit. Nicht immer läuft alles so glatt, haben stets Respekt vor diesem Job, bei all der Routine darf man diesen nicht verlieren, sonst wird man schnell eines Besseren belehrt. Der Kleine schaut uns noch nach, die Mutter bedankt sich … unser wahrer Lohn.
Wir fliegen Richtung Stützpunkt, ein guter Espresso wäre jetzt ein Hit. Den haben wir uns verdient, und die Zeit ist uns auch vergönnt. Ein kurzes Crew-Debriefing, wie die Einsätze abgelaufen sind, gehören genauso zu unseren Dasein … „Hätte man etwas anders machen können?“ „Wie haben wir kommuniziert?“ … Selbstkritik und Selbstreflexion sind essentielle Bestandteile in der Notfallmedizin.
Jetzt schmeckt das schwarze Gold so richtig gut … unter der Pergola auf der Terrasse lausche ich dem Balzen der Fasane mit einem Grinsen … ahhh, da gibt es mehrere Interessenten!
Mein Flugretter kommt „Es ist Mittwoch!“ … das Stichwort für die Reinigung des Hubschraubers, weil am Donnerstag ein anderer Pilot seine Dienstserie beginnt.
Na dann … auf geht‘s! Das gehört auch dazu.
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Fortsetzung folgt!