08/08/2026
Ein Beitrag von Lena Albel
Es ist das Jahr 2026 – und offenbar müssen Frauen noch immer erklären, dass Kindererziehung Arbeit ist.
Wie kann ein Mann im Jahr 2026 noch derart herablassend über Frauen, Mütter und Kindererziehung sprechen?
Herr Stocker, ich weiß nicht, ob Sie eine Tochter haben. Aber Sie haben eine Frau. Und Sie haben eine Mutter.
Eine Mutter, die einer Generation angehört, in der die Rollen zwischen Männern und Frauen noch völlig anders verteilt waren. Einer Zeit, in der es gesellschaftlich selbstverständlich war, dass die Frau zuhause bleibt, Kinder erzieht, kocht, putzt und den Haushalt führt, während der Mann arbeiten geht und das Geld verdient.
Heute schreiben wir das Jahr 2026.
Heute sprechen wir von „Gleichberechtigung“.
Frauen dürfen nicht nur arbeiten – für viele ist Erwerbsarbeit längst keine Frage des Wollens mehr. Sie müssen arbeiten, weil sich immer mehr Familien ein normales Leben mit nur einem Einkommen schlicht nicht mehr leisten können.
Also erwarten wir von Frauen heute:
Sie sollen arbeiten.
Sie sollen finanziell unabhängig sein.
Sie sollen Karriere machen.
Sie sollen Kinder bekommen.
Sie sollen gute Mütter sein.
Sie sollen den Haushalt führen.
Sie sollen Termine organisieren.
Sie sollen funktionieren.
Und am besten alles gleichzeitig.
Aber ausgerechnet jene Arbeit, die zusätzlich jeden einzelnen Tag zuhause geleistet wird, soll dann keine „richtige“ Arbeit sein?
Was genau ist Kindererziehung dann? Ein Hobby?
Was ist mit einer alleinerziehenden Mutter?
Mit einer Frau, die morgens ihr Kind fertig macht, es in Kindergarten oder Schule bringt, anschließend acht oder neun Stunden arbeitet, einkaufen geht, kocht, putzt, Wäsche wäscht, Hausübungen macht, Arzttermine organisiert, Rechnungen bezahlt, nachts bei einem kranken Kind aufsteht und am nächsten Morgen wieder funktionieren muss?
Was ist mit den Frauen, die mittlerweile zwei Jobs brauchen, um ihrem Kind ein halbwegs sorgenfreies Leben ermöglichen zu können?
Wann genau endet deren Arbeitstag?
Um 17 Uhr?
Oder erst dann, wenn das Kind schläft, die Küche sauber ist, die Wäsche gemacht wurde, die Jause für morgen vorbereitet ist und endlich alle anderen versorgt sind?
Und wenn das Kind um zwei Uhr nachts krank wird, beginnt eben die nächste „Schicht“.
Diese Arbeit wird nicht plötzlich wertlos, nur weil niemand dafür einen Lohnzettel ausstellt.
Sie wird auch nicht weniger anstrengend, nur weil sie über Generationen hinweg selbstverständlich von Frauen erwartet wurde.
Und genau da beginnt für mich das eigentliche Problem:
Wir wollen die moderne, berufstätige und finanziell unabhängige Frau – behandeln Familie, Haushalt und Kinder aber teilweise noch immer nach einem Rollenbild aus dem vergangenen Jahrhundert.
Eine Frau soll arbeiten wie ein Mann, aber zuhause weiterhin selbstverständlich funktionieren wie die Hausfrau von damals.
Und wenn sie daran an ihre Grenzen kommt, erklären wir ihr auch noch, dass Kindererziehung ja eigentlich gar nicht so anstrengend sei?
Das ist keine Gleichberechtigung.
Und vielleicht sollten wir 2026 auch endlich mit einem weiteren Märchen aufräumen:
Ein Vater „hilft“ nicht bei seinen eigenen Kindern.
Ein Vater „passt“ nicht auf seine eigenen Kinder auf.
Er ist Vater.
Die Mutter hat ein Kind neun Monate im Bauch getragen und zur Welt gebracht. Daraus entsteht aber keine lebenslange Verpflichtung, automatisch für den überwiegenden Teil der Erziehung und Familienarbeit verantwortlich zu sein.
Ein Kind hat im Normalfall zwei Elternteile.
Warum wird bei der Mutter von Verantwortung gesprochen und beim Vater noch immer viel zu oft davon, dass er „mithilft“?
Lieber Herr Stocker – „mein“ Bundeskanzler waren Sie so oder so nicht und jetzt noch weniger. 🙂
Und ja, bei solchen Aussagen frage ich mich tatsächlich, welches Bild von Frauen dahintersteht.
Was ist eine Frau in Ihren Augen wert?
Ist ihre Leistung erst dann etwas wert, wenn dafür ein Gehalt überwiesen und Steuer bezahlt wird?
Sind Putzen, Kochen, Wäsche, Organisation, Pflege und Kindererziehung plötzlich keine Arbeit, nur weil diese Tätigkeiten überwiegend im Privaten stattfinden und niemand dafür bezahlt?
Oder erwarten wir ernsthaft weiterhin, dass Frauen all das einfach nebenbei erledigen – zusätzlich zu ihrem Beruf?
Wer glaubt, dass diese Verantwortung keine Arbeit oder nicht besonders belastend ist, hatte möglicherweise bisher einfach das Privileg, dass ein anderer Mensch einen großen Teil davon übernommen hat.
Und wissen Sie, Herr Stocker, was solche Aussagen bei vielen jungen Frauen zusätzlich auslösen?
Sie machen uns nicht gerade Mut, selbst einmal eine Familie zu gründen.
Viele junge Frauen – darunter auch ich und viele meiner Freundinnen – stellen sich mittlerweile ernsthaft die Frage, ob wir überhaupt noch Kinder in diese Welt setzen wollen.
Nicht, weil wir grundsätzlich keine Familie wollen.
Sondern weil wir uns fragen:
Wie sollen wir uns dieses Leben eigentlich leisten?
Arbeit.
Wohnung oder Haus.
Lebensmittel.
Strom.
Heizung.
Versicherungen.
Auto.
Kinderbetreuung.
Kleidung.
Schule.
Freizeit.
Und dann noch ein Kind, dem man nicht einfach irgendwie ein Leben ermöglichen möchte, sondern ein gutes.
Wie sollen junge Menschen das stemmen?
Wir sollen arbeiten, weil wir unseren Lebensunterhalt finanzieren müssen.
Wir sollen finanziell unabhängig sein.
Gleichzeitig wird darüber gesprochen, dass zu wenige Kinder geboren werden und junge Menschen wieder mehr Familien gründen sollen.
Aber wer schafft eigentlich die Voraussetzungen dafür?
Wer gibt einer jungen Frau die Sicherheit, dass ein Kind nicht automatisch bedeutet, beruflich zurückzustecken, finanziell abhängig zu werden oder irgendwann zwischen Erwerbsarbeit, Kindererziehung, Haushalt und finanziellen Sorgen völlig aufgerieben zu werden?
Und dann vermittelt ausgerechnet der Bundeskanzler dieses Landes Frauen mit solchen Aussagen auch noch, dass die enorme Arbeit, die mit der Erziehung eines Kindes verbunden ist, offenbar nicht einmal als wirkliche Belastung anerkannt wird.
Wie soll das jungen Frauen Mut machen, eine Familie zu gründen?
Die Botschaft, die bei vielen ankommt, lautet doch:
Bekomm Kinder.
Geh arbeiten.
Sei finanziell unabhängig.
Kümmere dich um deine Familie.
Führe deinen Haushalt.
Funktioniere.
Und beschwer dich bitte nicht darüber, dass das anstrengend ist.
So funktioniert Familienpolitik nicht.
Man kann nicht auf der einen Seite darüber klagen, dass immer weniger Kinder geboren werden, und auf der anderen Seite genau jene Menschen, die diese Kinder bekommen, großziehen und gleichzeitig ihren Lebensunterhalt verdienen sollen, mit solchen Aussagen abfertigen.
Kinderwunsch allein bezahlt keine Miete.
Kinderwunsch bezahlt keinen Einkauf, keine Stromrechnung und keine Kinderbetreuung.
Und die Liebe zu einem Kind nimmt einer Mutter nicht automatisch die körperliche, psychische, organisatorische und finanzielle Belastung ab.
Wenn ein Staat möchte, dass junge Menschen wieder Vertrauen darin haben, eine Familie zu gründen, dann muss er ihnen auch eine Zukunft bieten, in der Familie leistbar und lebbar ist.
Und er sollte damit beginnen, die Arbeit von Eltern endlich ernst zu nehmen.
Deshalb hätte ich einen Vorschlag, Herr Stocker:
Übernehmen Sie eine einzige Woche lang alles alleine.
Kindererziehung.
Haushalt.
Einkaufen.
Kochen.
Putzen.
Wäsche.
Kindergarten oder Schule.
Arzttermine.
Nächtliches Aufstehen.
Organisieren.
Trösten.
Verantwortung tragen.
Und selbstverständlich gehen Sie daneben ganz normal Ihrer Vollzeitbeschäftigung nach.
Keine Frau, die Ihnen den Rücken freihält.
Keine Person, die „schnell einmal“ übernimmt.
Keine unsichtbare Hand im Hintergrund, die daran denkt, dass morgen neue Windeln gebraucht werden, das Kind einen Termin hat, die Wäsche noch in der Maschine liegt und im Kühlschrank nichts mehr fürs Abendessen ist.
Eine einzige Woche.
Und danach stellen Sie sich bitte noch einmal vor die Frauen dieses Landes und erklären einer berufstätigen Mutter oder einer Alleinerzieherin, wie wenig anstrengend Kindererziehung ist.
Denn von einem Bundeskanzler erwarte ich nicht, dass er Frauen erklärt, wie belastend ihr Alltag sein darf.
Ich erwarte, dass er ihre Lebensrealität kennt.
Ich erwarte Respekt vor ihrer Leistung.
Und ich erwarte eine Politik, die dafür sorgt, dass Familien von ihrer Arbeit leben können, Kinderbetreuung funktioniert, Wohnen und Leben leistbar bleiben und Frauen nicht zwischen Beruf, Familie und finanzieller Existenz zerrieben werden.
Gleichberechtigung bedeutet nämlich nicht, dass Frauen heute zusätzlich arbeiten gehen dürfen.
Gleichberechtigung bedeutet, dass Männer und Frauen dieselben Chancen haben – und dass die bezahlte und die unbezahlte Arbeit von Frauen endlich denselben Respekt verdient.
Vielleicht sollte sich die Politik weniger darüber wundern, warum immer mehr junge Frauen beim Thema Kinder ins Zweifeln kommen.
Vielleicht sollte sie sich einmal fragen, welche Rahmenbedingungen und welche Botschaften sie diesen Frauen mitgibt.
Denn wenn selbst der „Herr Bundeskanzler“ Frauen in „seinem“ Land mit solchen Aussagen begegnet, darf man sich nicht wundern, wenn eine Generation junger Frauen irgendwann fragt:
Wie sollen wir das alles schaffen – und warum sollen wir uns das unter diesen Voraussetzungen überhaupt noch antun?
Vielleicht wäre es an der Zeit, Frauen nicht mehr zu erklären, wie leicht ihr Leben angeblich ist.
Vielleicht wäre es an der Zeit, ihnen endlich zuzuhören.