22/09/2019
Wider Erwarten haben wir, meine besten Freunde und ich, überlebt, dank unserer Selbsthilfegruppe „Vienna Underground“, wie wir das Projekt nennen. Sie bestimmt meinen Alltag. Ohne diese wäre ich verloren. Doch nun bin ich fest verankert Dank meiner Kumpanen und kämpfe weiter für unsere Rechte, die der Ausgestoßenen aus der Gesellschaft, die obdachloserfahrenen, eingesessenen Wiener, die mich Dank meiner Erfahrung als ihresgleichen behandeln.
Zu diesen Menschen ist es als Außenstehender schwer möglich Zugang zu finden. Ich sehe es als großes Privileg an und sehe in ihnen die Elite, die den harten Überlebenskampf meist schon seit der Kindheit und Jugend kennt.
Schwerste Traumatisierung meist schon in frühen Jahren ist der gemeinsame Nenner, die meist unbehandelt bleibt und der die Betroffenen oft in Alkoholismus und sonstigen Rauschmittelgenuss treibt, um die psychischen Zustände aushalten zu können.
Ich habe das Glück in ausgezeichneter psychiatrischen Behandlung zu sein und bin medizinisch durch starke Medikamente gut eingestellt, um die Nervenschlachten zu überstehen, die in der Szene nicht selten zu körperlichen Gewalt führen.
Es braucht viel Selbstbeherrschung und Disziplinierung im Stillstand zu verharren und zu warten, dass sich die Wogen des Sturms wieder glätten.
Wir als Kollektiv sind schon bei so manchen gefürchtet. Das Motto der Mexikanischen Zapatisten, eine Widerstandsbewegung, „Unsere Waffe ist das Wort“ findet zunehmend Anklang, auch der Satz „Lieber stehend sterben als kniend leben“.
Es sind Menschen, denen das Schicksal übelst mitgespielt hat. Sogenannte Normalbürger wären nach kurzer Zeit vollkommen unter den Umständen zerbrochen.
Im Besonderen ist Schizophrenie eine häufige Erkrankung in diesen Kreisen. Laut einer Studie sind 30 Prozent der Obdachlosen von dieser betroffen, in der übrigen Bevölkerung sind es lediglich ein Prozent. Klar, dass ich als ehemaliges Straßenkind, psychisch krank und immer wieder wohnungslos mit jenen Menschen solidarisch bin. In diesen Kreisen akzeptiert zu sein sehe ich als Ehre an und ich gelte als Instanz.
Es kommt häufig vor, dass im Stillstand wahre, harte psychische Kämpfe ausgetragen werden und nicht nur ich fühle die Gefahr, in der wir schweben. Viele werden nicht alt wegen der Unerträglichkeit der Zustände.
Mitte des vorigen Jahrzehnts lebte ich Jahre in der visionären Wahrnehmung des totalen Weltkrieges und in meiner Psyche musste ich nahe am Tod durch fürchterliche Welten, die den allermeisten völlig fremd sind. Unter diesem Hintergrund und der fast totalen Isolation habe ich das Team von Radio ORF gnadenlos gestalkt, mit oft völlig verwirrtem Zeug. Einige sind Zeugen der Zeit.
Nachdem ich etwa 2006 psychotisch im Donaukanal in Wien gelandet bin, da ich mich auf der Augartenbrücke von allen Seiten feindlich umzingelt sah und so lebensgefährlich ins Wasser flüchtete, brach ich sämtliche Beziehungen zu Bekanntschaften ab, Radio hörte ich viele Jahre nicht, auch schaute nie mehr auf meine Profile auf dem damals gängigen MySpace, wo ich eine Weile sehr aktiv war, um mich intensiv meiner Gesundung zu widmen, mit Erfolg. Ich drifte nicht mehr in fantastische Welten ab, auch wenn immer noch stundenweise die posttraumatischen Belastungszustände über mich herfallen. Das Stigma bleibt.
Bezüglich des Projekts schwebt mir vor, falls ich zu mehr Geld komme, und das werde ich, ein Zentrum zum Wohlfühlen für leidgeprüfte, eingesessene Wiener ins Leben zu rufen, und Schizophrenie gesellschaftsfähig machen. Es sind erstaunliche Talente darunter. In der neuesten Psychiatrie gelten Schizophrene auch als besonders begabt. Für jene, die handwerkliche oder künstlerische Interessen haben, sollen genug Werkräume entstehen, und im Rahmen meines Projektes "Danube Style" soll die Ware bekannt und unter das Volk gebracht werden.
Schon jetzt bietet mein gemütliches Studio, das ich mir im Laufe der Jahre alleinig mit dem Geld vom Staat und der Hilfe minder bemittelter Freunde aufgebaut habe, Raum für kleine Treffen und ist mit Material und Werkzeug bestens ausgestattet, besonders für meinen ehemaligen Brotberuf, die Herstellung von Keramik. Da bin ich mit meinem eigenen Stil Profi. Hobby ist das nicht. Die Not, nicht die Leidenschaft machte mich dazu, und das war lange Zeiten Schwerstarbeit. Mein Vater Harro Berger, ein früher namhafter Keramiker, trieb mich immer wieder zu Höchstleistungen an, um mich danach völlig ausgelaugt in den Straßengraben zu treten. Als Tochter war ich unter dem Mindestlohn eine ausgezeichnete, schnelle Arbeitskraft, das werden die Kollegen bezeugen können. Mit meinem Exmann verdiente ich gut mit Baukeramik. Ich arbeitete immer am eigenen Stil, der ausgereift ist. Zum Teil sind meine Arbeiten, die bereits Sammlerstücke waren, in meinem Studio zu betrachten und auch gegen eine angemessene Spende für die Projekte, die auch meinen mittellosen Freunden zugutekommen sollen, zu erwerben.
Zeitweise widme ich mich so wie manche Kumpanen auch der Malerei und habe eine beachtliche Mappe vorzuweisen, die im Laufe der Jahre entstanden ist. Dafür habe ich großzügigen Platz.
So gesehen habe ich so manches Lebensziel bereits erreicht doch mein Streben geht weiter. Ich bin eine Kämpfernatur und habe Visionen für die Zukunft. Die wird noch viele Nervenkriege mit sich bringen, in denen wir verloren geglaubten, geübter als die Allgemeinheit sind. Unser Leben in Würde ist uns jetzt so gut wie sicher und es wird noch Geschichte schreiben. Das ist ein langwieriger Prozess und bereitet so manchen Schrecken, insbesondere meiner Familie, Rossacher und Berger, die sie sich zur Oberschicht zählt und mich schon in frühen Jahren bekämpft und vollkommen ausgeschlossen hat und mit meinem frühen Untergang gerechnet hat. Der droht aber jetzt nicht mehr. Zu viele Zeichen wurden bereits in die Zeit geschrieben und ich habe noch viele Asse im Ärmel, die im Laufe der Zeit ausgespielt werden können. Da lasse ich mir Weile und warte auf den richtigen Impuls zum Handeln, begleitet von liebenden Menschen, die mir Mut geben.
Karoline Rossacher