04/06/2026
NICHT.AUFGEBEN!
Wiederholungszwang und Prostitution
"Dieser Wiederholungszwang mit den dazugehörigen Wiedereinstiegsgedanken kommt vor allem dann hoch, wenn ich über Prostitution lese oder darüber spreche. Er nährt sich aus dem alten Gedanken, dass es Entlastung von dem emotionalen Druck, unter dem man wegen des Traumas lebt, schafft, wenn man sich selbst verletzt – und Prostitution ist ja auch eine Art von Selbstverletzung. Sich so heil und sicher und ganz und gesund zu fühlen, so nichtverletzt, so nichtbedroht, so nichtmissbraucht, das ist ein neues Gefühl, das sich noch fremd anfühlt und an das ich mich erst noch gewöhnen muss.
Manchmal ist es schwer, diese Konditionierung zu durchbrechen und trotz der immer präsenten Ahnung, dass man zu „den anderen Menschen“ nicht passt, weil man zu verletzt ist, weil man sich fühlt wie ein NichtmehrMensch oder wie ein Alien, nicht nachzugeben und nicht dorthin zurückzugehen, wo man gefühlt „hingehört“. Und manchmal braucht das traumatisierte Hirn auch den Adrenalinkick: immer dann, wenn man sich zu heil fühlt und man es einfach nicht mehr aushält. Aus Kindern, die schlimme Geheimnisse haben, werden Erwachsene, die schlimme Geheimnisse haben. Man müsste lernen, wie man aus schlimmen Geheimnissen gute Geheimnisse macht.
Aber so fühlt es sich eben nach dem Ausstieg manchmal schräg und unpassend an, nicht mehr das Doppelleben zu haben, nicht mehr das verborgene, gewaltvolle, dunkle, zerstörerische zu behüten und zu beschweigen. Das war die Seite, die ich immer verbergen musste: der Missbrauch, die Gewalt, den Terror, die sexuellen Übergriffe in der Prostitution. Und das ist auch das, was mich innerlich von anderen Menschen trennt. Und manchmal fühlt man sich, wenn man das jahrelang nur so kannte, auf der anderen Seite einfach fehl am Platz.
Immer dann, wenn ich Wiedereinstiegsgedanken habe, nutze ich meine Vorstellungskraft, um aus meinen Gedanken keine Taten werden zu lassen. Und vielleicht helfen diese Gedanken auch Dir, zum Beispiel wenn Du einen gewalttätigen Ex hast, und ab und zu den Gedanken, zurückzugehen, oder wenn Du selber eine Frau mit Prostitutionserfahrung bist:
Ich denke dann an all die Widerstände, die ich überwinden musste, um überhaupt in das Hotel zu fahren, in dem der Freier wartete, der mich gebucht hatte. Ich stelle mir vor, ich stünde kurz vor einem Termin und erlaube mir, all die Panik und den Ekel zu fühlen und daran zu denken, wie schwer es mir immer gefallen ist, mich auf den Weg zu machen, wie ich die Aufgaben stückeln musste (nur duschen, nur anziehen, nur aus der Tür raus, nur den Weg bis zum Hotel,…) um mich selbst zu überwinden. Ich erinnere mich dann daran, wie demütigend es war, mit Männern Umgang zu haben, deren dumme Sprüche ich nicht kontern durfte, deren Gesabbel ich lächelnd abnicken musste, denen ich nicht sagen durfte, was ich wirklich von ihnen und ihren Grabschereien hielt – weil das alles ihr Ego angegriffen hätte, und das hätte für mich gefährlich werden können.
Stattdessen: eine nette Gesellschafterin sein, kein Kontra geben und vor allem: so tun, als würde man nicht merken und als entwürdigend empfinden, dass der Freier genau weiß, wer im Raum die Macht hat, und wie sehr er das genießt. Und ich denke daran, dass es mittlerweile schon Jahre her ist, seit ich mich das letzte Mal sexuell missbrauchen lassen musste, und dass mittlerweile mein Körpergedächtnis mit der Heilung beschäftigt war, dass ich ganz neue Körperzellen habe – die ich den Griffeln eines frauenverachtenden Typen nicht aussetzen möchte.
Wenn Du sowas kennst, egal, ob Du aus der Prostitution bist oder nicht, dann möchte ich, dass Du weißt: so schlimm sich diese Gedanken anfühlen, so normal sind sie auch. Und es gibt keinen Grund, sich dafür zu schämen – denn da spricht einfach die Konditionierung, und diese Schallplatte, die da läuft, die hast nicht Du reingelegt. Lass sie einfach laufen und beachte sie nicht weiter. Gedanken müssen keine Taten werden – man kann sie vorüberziehen lassen wie Wolken.
Wenn die Gedanken also kommen, weil Du gerade in Geldnot steckst, weil Dich was getriggert hat, weil irgendein Typ Dir im Alltag mit einem Spruch gezeigt hat, dass Du für ihn nicht mehr bist als ein sexualisiertes Objekt, wenn Du Dich unwert fühlst und Dich daran erinnerst, dass Du wenigstens mal Geld wert warst wenn schon keinen Respekt, wenn Du Sehnsucht nach der alten Betäubung hast, wenn es Dich drängt nach dem alten Schmerz, der mal wie Dein Zuhause war: das ist nur das Trauma was da spricht, und es ist nicht die Wahrheit. Schäm Dich nicht dafür, denn Du bist nicht allein.
Jeder Mensch mit einer Alkohol- oder Drogenabhängigkeit kennt diesen Kampf, und jede Frau mit Gewalterfahrung. Entscheide Dich vorher, in einem starken Moment, dafür, nicht nachzugeben, und dann halte Dich auch in den schwachen Momenten daran, wenn Du mit Deiner inneren Stimme kämpfst: es gibt darüber keine Diskussion, ich.gebe.nicht.nach.
Denn genau darum geht es: man hat nur verloren, wenn man aufgibt. Aber wenn man einfach immer weiter macht, kann man Rückfälle und Hinfälle durchmachen, ohne zu verlieren: es geht trotzdem weiter straight forward.
Das ist der Gedanke, der mir geholfen hat."
Auszug aus dem Buch:
Huschke Mau, „Entmenschlicht – Warum wir Prostitution abschaffen müssen“, Hamburg, edel books, 2022