21/08/2026
Neu zur Ausleihe in der Jesuitenbibliothek Zürich: Hans Ulrich Gumbrecht: Sepp. Mein Leben auf Halbdistanz (Suhrkamp 2026)
Zu Hans Ulrich Gumbrechts in diesem Jahr unter dem Titel «Sepp. Mein Leben auf Halbdistanz» erschienenes Buch ist in einer Rezension bemerkt worden, es sei schwierig, seine literarische Gattung zu bestimmen: Handelt es sich bei diesem Buch um die Autobiographie eines international bekannten Geisteswissenschaftlers oder um eine philosophisches Langessay? Gumbrecht selbst resümiert ein längeres Gespräch mit einem Freund über die Absicht seines Buches: «Und gerade der Eindruck einer drastischen Überforderung gab meinen Buchprojekt einen Fokus. Statt allzu differenzierter Vorsätze sollte die ebenso einfache wie überwältigende Frage nach den Bewegungen des Geistes mein Buch ausmachen. Es geht also um die Wette, dass sich die unter Intellektuellen heute verpönte Geschichte des Geistes aus den alltäglichen Erinnerungen und der Ich-Perspektive eines Literaturprofessors neu beleben lässt.»
Es gibt in Gumbrechts Text eine Reihe von fragmentarischen Hinweisen, dass seine Rede von der «Wette» nicht als frivole Anspielung überlesen werden kann, sondern mit dem Ernst von Blaise Pascals Gedankenexperiment verstanden werden soll. Sie teilt nicht nur die Risikobereitschaft von Pascal, auf ein nicht voraussagbares Ereignis affirmativ zu setzen, sondern der Text schreitet gleichzeitig eine Fülle von Lebenssituationen ab, die es nahelegen, die Wette doch zu wagen. Daraus ergibt sich die Gliederung des Buches mit den Namen der Städte aus der Zeit seiner Ausbildung und akademischen Tätigkeit als Kapitelüberschriften; erwähnt seien hier nur Würzburg, Konstanz, Bochum, Rio de Janeiro, Siegen, Stanford, Jerusalem.
Zwei dieser Hinweise stechen besonders heraus: In beiden reflektiert Gumbrecht auf den Moment des Schreibens. Im Kapitel über seine Jugendzeit in Würzburg erinnert er sich, dass der spätere hebräische Lyriker Jehuda Amichai in Würzburg geboren ist, dort seine frühe Jugendzeit verbracht hat, durch die gleichen Gassen gegangen ist, die gleichen Häuserzeilen wie er (Gumbrecht) gesehen hat. Bei der Niederschrift des (letzten) Kapitels über seine Lehrtätigkeit in Jerusalem, erinnert er sich an den Moment, als er das Würzburger Kapitel mit der Erinnerung an Jehuda Amichai verfasste. Hier zeigt er einige Parallelen aus den zwei Biographien, um dann festzustellen, dass die Gemeinsamkeiten nur «die Kontraste und Divergenzen zwischen den beiden Leben hervortreten lassen». Diese Beobachtung setzt er in Parallele zur Erfahrung, die er im Verlaufe der Niederschrift des Buches machen musste, nämlich dem Verlust des Vertrauens «auf eine bedeutungsstiftende Praxis des Erzählens».
Das Buch ist zur Ausleihe in der Jesuitenbibliothek vorhanden.