10/09/2026
📖 Ein von Dr. Anna Kaminsky, Direktorin der Bundesstiftung Aufarbeitung: Barbara Honigmann: Mischka. & Jewgenia Ginsburg: Marschroute eines Lebens.
📕 Warum schon wieder zwei Bücher auf einmal besprechen? Jedes dieser beiden Bücher verdiente eine eigene Besprechung. Aber sie gehören beide zusammen; nicht nur, weil Jewgenia Ginsburg mit ihren Erinnerungen und ihrem Buch über ihre Verfolgungszeit in der Sowjetunion eine große Rolle in Barbara Honigmanns Buch „Mischka“ spielt. Barbara Honigmann beschreibt in Mischka einerseits das Leben ihrer Eltern- und Großelterngeneration, die nach der Ermordung im mörderischen Rassenwahn der N***s ohne eigene Familien leben mussten und einen eigenen „Kosmos“, ein Universum bildeten: Zum allergrößten Teil jüdisch, kommunistisch, intellektuell – und mit diesen Charakteristika sowohl Zielscheibe des mörderischen Rassenwahns der N***s als auch der sowjetischen Terrorherrschaft unter Stalin. Mischka war die Koseform für Wilhelmine Hermannova Slawusdkaja geborene Magidson, eine Rigaer Jüdin, überzeugte Kommunistin, Gulag-Überlebende, deren gesamte Familie von den N***s in Riga ermordet worden war.
📘 Barbara Honigmann erzählt, wie sie Anfang der 1970er Jahre die Möglichkeit erhielt, für ihre angestrebte Dissertation zu Wsewolod Meyerhold nach Moskau zu fahren, um für ihre Arbeit in den Archiven zu forschen. Die Archive blieben ihr – natürlich - verschlossen und auch das angestrebte Praktikum am Taganka-Theater, das in der Regie- und Schauspieltradition Meyerholds stand, kam nicht zustande. Stattdessen erlebte Honigmann den künstlerischen und intellektuellen Kosmos der sowjetischen Intelligenzija um Kopelew, Wyssozki, Jewtuschenko, Ginsburg und viele andere. Sie lernte sie im legendären „Küchenkosmos“ kennen: Denn wie auch in der DDR-Opposition boten die Küchen der Gleichgesinnten, an den Verhältnissen Verzweifelnden und oftmals dennoch immer noch Hoffenden, jene Freiräume, die ein Überleben in den erstickenden Verhältnissen der kommunistischen Herrschaft überhaupt ermöglichten. Dort wurde Honigmann auch mit jenen die Stalinsche Schreckensherrschaft kennzeichnenden Begriffen wie Kolyma, Butyrka, Gulag, Workuta, Magadan, Lubjanka bekannt gemacht, die für fast alle der dort Versammelten zu den Stationen ihres Lebens gehörten – und die zugleich wie Wegmarken die Schicksale jener säumten, die den Terror nicht überlebt hatten und wie Meyerhold in den „Säuberungen“ ermordet worden waren.
📙Besonders eindrücklich war offenbar die Begegnung mit Jewgenija Ginsburg, deren „Marschroute eines Lebens“ in eben jenen Küchen vorgelesen und diskutiert wurde. Erinnerungen und Erfahrungen, die so viele der dort Versammelten teilten: Von Willkür, Massenmorden, Erniedrigungen, dem völligen irrationalen Irrsinn der Terrorjahre in der Sowjetunion, die Ginsburg in ihrem Buch zu folgender Zeile veranlasst: „Ich habe oft über die Tragödie jener Menschen nachgedacht, die die Aktion des Jahres 1937 durchführten. Wie ist ihnen zumute gewesen? Sie alle verhielten sich wie Sadisten“ (57) Nur wenige hätten den Mut gefunden, ihrem Leben ein Ende zu setzen, um nicht Mittäter in diesem System des wahnsinnigen Mordens zu werden. Ginsburg beschreibt nicht nur eindrücklich die Verhöre, Folterungen, das ungezügelte Ausleben sadistischer Triebe, das Chaos und die Preisgabe jeglichen Menschlichen in den sowjetischen Gefängnissen und Lagern. Sie widmet vor allem auch der Bewahrung des Humanen, dem Mut einiger weniger, der Solidarität und Hilfe, die es ihr ermöglichten zu überleben, eindrückliche Schilderungen.
📗Nicht zuletzt ist die Angst ein ständiges Thema ihrer Schilderungen: Die Angst vor der Folter, vor den Folgen für die Familien, die Angst um die zurück gelassenen Kinder, die Angst, diese nie wieder zu sehen. Ein Schicksal, das auch sie ertragen musste: Ihr ältester Sohne Alexej starb 1942 mit 16 Jahren bei der Leningrader Blockade. Sie hat ihn nach ihrer Verhaftung und Verurteilung als angebliche Trotzkistin zu zehn Jahren Lagerhaft und anschließender Verbannung, die sie in Kolyma durch- und überlebte, nie wieder gesehen. Sie erfuhr erst zwei Jahre später 1944 in Kolyma von seinem Tod. Diese Schilderungen gehören zum Herz Zerreißendsten, was sich in den Schilderungen über die Jahre des Stalinschen Terrors, finden lässt. Während die Eltern, meist überzeugte Kommunisten, mit ihrem eigenen Schicksal zwar haderten, aber den Willen hatten zu überleben und darauf setzten, dass ihre Unschuld erwiesen werden würde, waren sie angesichts des ungewissen Schicksals ihrer Kinder machtlos.
📔 Nach dieser wie auch vieler anderer Lektüren zu den totalitären Regimen des 20. Jahrhunderts möchte man nur noch wünschen, dass es für niemanden egal wo auf dieser Welt einen Anlass gibt, mit solchen Erinnerungen leben und solche Bücher verfassen zu müssen…
ℹ️ Bibliografische Angaben: Barbara Honigmann: Mischka. Hanser Verlag München 2026.
Jewgenia Ginsburg: Marschroute eines Lebens. Serie Piper. Piper Verlag München Zürich. 3. Auflage 1992.