27/07/2026
Liebe Steffi.
„Selber schuld. Hat […] die [R]ichtigen getroffen!”
Stell dir für einen Moment vor, du gehst zu einem Konzert. Oder auf einen Weihnachtsmarkt. Oder zum Fußball. Jemand fährt absichtlich in die Menschenmenge. Du wirst schwer verletzt. Vielleicht stirbt sogar jemand, den du liebst.
Und dann schreibt irgendein Fremder unter den Artikel:
"Selber schuld. Hatte ein Piercing. Sowas tragen nur Perverse. Hat die Richtige getroffen."
Oder:
"Selber schuld. War AfD-Wählerin. Hat die Richtige getroffen."
Oder:
"Selber schuld. War Christin. Hat die Richtige getroffen."
Würdest du dann sagen: „Ja, fairer Punkt“? Oder würdest du erkennen, wie abgrundtief menschenverachtend so ein Satz ist?
Denn genau das hast du getan. Du kennst keines der Opfer. Du weißt nicht, wer dort war. Familien, Freunde, Heterosexuelle, Homosexuelle, Bisexuelle, Transpersonen, Helfer, Sanitäter, Touristen – völlig egal. Für dich reicht ein Etikett, und schon erklärst du Menschen zu legitimen Zielen.
Das Erschreckende ist dabei gar nicht einmal deine politische Meinung. Die darfst du haben. Erschreckend ist, dass Mitgefühl bei dir offenbar von der sexuellen Orientierung oder dem Anlass einer Veranstaltung abhängig ist.
Das ist keine Stärke. Das ist charakterliche Insolvenz.
Und falls du dich jetzt fragst, warum Menschen deinen Kommentar kritisieren: Nicht, weil du eine andere Meinung hast. Sondern weil du öffentlich schreibst, ein Terroranschlag habe die Richtigen getroffen.
Das ist der Moment, in dem man vielleicht kurz innehalten sollte. Nicht wegen der Opfer, für die kommt deine Einsicht zu spät. Sondern für sich selbst.
Denn wenn einen der Tod unschuldiger Menschen nur noch zu einem hämischen Einzeiler inspiriert, sollte man sich nicht fragen, was mit der Gesellschaft nicht stimmt, sondern was mit einem selbst nicht stimmt.
Selbst verschuldete Grüße