04/09/2026
Widerstand gegen Kolonialismus und westliche Dominanz – 125 Jahre Boxeraufstand
Ein Blick in die Geschichte der antikolonialen Bewegung hilft beim Verständnis heutiger Entwicklungen und Konfliktursachen. Daher erinnern wir diesmal an das Ende des „Boxeraufstandes“ (Bewegung der Verbände für Gerechtigkeit und Harmonie“) vor 125 Jahren. Damals gelang es erst einer Allianz von acht westlichen Staaten, einen bewaffneten Aufstand aus der chinesischen Bevölkerung niederzuschlagen.
Lange Jahre prägte das Bild dieser antikolonialen Bewegung die mediale Darstellung durch die USA und Europa, wo hervorgehoben wurde, dass die „Boxer“ sich gegen christliche Missionare und Vertreter von westlichen Staaten erhoben hätten. Heute weiß man, dass die „Boxer“ eine soziale Bewegung waren, die Ende des 19. Jahrhunderts als Reaktion auf Krisen, insbesondere in der nördlichen Küstenprovinz Shandong entstand. Diese Konflikte verbanden sich mit dem Vordringen von westlichen Akteuren, die – von der chinesischen Qing-Regierung mit Privilegien ausgestattet – versuchten, ihren ökonomischen und politischen Einfluss zu stärken. Vor dem Hintergrund von Naturkatastrophen, für die die westlichen Akteure verantwortlich gemacht wurden, gab es blutige Auseinandersetzungen mit zahlreichen Toten.
Die Ereignisse spitzten sich im Jahr 1900 zu, als Boxer-Kämpfer unter der Parole „Unterstützt die Qing-Regierung und vernichtet die Ausländer“ Peking angriffen. Diplomaten, Missionare, Soldaten und einige chinesische Christen flüchteten in das Diplomatenviertel und wurden knapp zwei Monate von der Kaiserlichen Armee Chinas und den Boxern belagert. Eine Acht-Nationen-Allianz aus amerikanischen, österreichisch-ungarischen, britischen, französischen, deutschen, italienischen, japanischen und russischen Truppen rückte daraufhin in China ein. Die Kaiserin-Witwe Cixi, die zunächst gezögert hatte, unterstützte nun die Boxer und erklärte am 21. Juni den Invasionsmächten den Krieg.
Kaiser Wilhelm II., der Deutschlands „Platz an der Sonne“ sichern wollte, sagte sofort ein militärisches Kontingent zum Einsatz in China zu. Bei der Verabschiedung eines Teils der deutschen Truppen am 27. Juli 1900 in Bremerhaven hielt er seine berüchtigte „Hunnenrede“:
„Die Chinesen haben das Völkerrecht umgeworfen, sie haben in einer in der Weltgeschichte nicht erhörten Weise der Heiligkeit des Gesandten, den Pflichten des Gastrechts Hohn gesprochen. […] Kommt ihr vor den Feind, so wird er geschlagen. Pardon wird nicht gegeben, Gefangene nicht gemacht. Wer euch in die Hände fällt, sei in eurer Hand. Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in der Überlieferung gewaltig erscheinen lässt, so möge der Name Deutschlands in China in einer solchen Weise bekannt werden, dass niemals wieder ein Chinese es wagt, etwa einen Deutschen auch nur scheel anzusehen!“
Zwar gab es Versuche, die Veröffentlichung dieser Rede in Deutschland zu verhindern, aber der Satz „Pardon wird nicht gegeben“ prägte von da an das Bild Deutschlands in militärischen Angelegenheiten. Gleichzeitig übernahm es die militärische Führung der von acht Alliierten entsandten Truppen. Tatsächlich dauerte es bis Mitte August 1900, dass die Armeen der acht Staaten Peking erreichten und den Aufstand der Boxer niederschlugen.
Was man in den wenigsten Medien liest, ist die Tatsache, dass anschließend Plünderungen und Massenhinrichtungen von Personen stattfanden, die verdächtigt wurden, Boxer zu sein.
Ein amerikanischer Diplomat verschiffte mehrere Eisenbahnwaggons mit Beutegut. Die britische Botschaft veranstaltete in den folgenden Monaten täglich vor dem Haupttor der Gesandtschaft Plünderungsversteigerungen. Die meisten der geplünderten Gegenstände gelangten nach Europa. Das Berliner Völkerkundemuseum entsandte sogar extra einen Direktionsassistenten nach Peking, um dort Einkäufe zu tätigen.
Am 7. September 1901, vor 125 Jahren, stimmte der kaiserliche Hof der Unterzeichnung des „Boxer-Protokolls“ zu, das auch als „Friedensabkommen zwischen den Vereinigten acht Staaten und China“ bezeichnet wird. Es war faktisch eine Kapitulationsurkunde und die nachträgliche Legitimation von Plünderungen und Hinrichtungen. Das chinesische Territorium wurde in Einflusszonen unterteilt, in denen ausländische Truppen stationiert werden konnten. Deutschland baute seinen Einfluss in Kiautschou mit der Hafenstadt Qingdao aus, das bereits wenige Jahre zuvor als „Pachtgebiet“ der chinesischen Regierung abgepresst worden war.
Außerdem sollte China im Laufe der nächsten 39 Jahre eine erhebliche Summe als Entschädigung an die acht beteiligten Nationen zahlen. Ein Frieden war damit natürlich nicht erreicht. Mit dem Sturz der Qing, der Abschaffung des Kaisertums und dem Aufstieg der nationalistischen Kuomintang wurde die europäische Herrschaft in China auf einen symbolischen Status reduziert. Nach der Eroberung der Mandschurei im Jahr 1905 dominierte Japan die asiatischen Angelegenheiten militärisch und kulturell.