01/07/2019
Fragend schreiten wir voran:
Endlich raus aus der Schule mit allen ihren Zwängen und vorgekauten Inhalten, endlich mehr als bloßes Auswendiglernen und Wiedergabe von Inhalten mit anschließender simpelster Transferleistung.
Mit dem Studienbeginn hat nun ein neuer Lebensabschnitt
begonnen und die schulische Gängelung wird ad acta gelegt.
Kritik als Volkssport
Die Universität gilt in unserer Gesellschaft als ein Hort kritischer Lehre und Bildung für kritische Köpfe.
Doch bei genauerem Hinsehen fragt man sich dann schon:
Was genau ist nun das kritische Element?
Auf Nachfragen bekommt der/die interessierte Studierende dann sowohl von Dozent*innen und Kommiliton*innen die Antwort, dass ein kritischer Kopf alles hinterfrage. Alles hinterfragen?
Soll ich nun auch die Schwerkraft hinterfragen, oder was?
Auch losgelöst von universitären Kontexten herrscht der Zeitgeist der Kritik. Auf den Straßen und im
Fernsehen trifft man nur kritische Köpfe, die alles kritisch betrachten und stets alles kritisch beleuchten.
Der Journalist Thomas Edinger nennt diese Fetischisierung der Kritik: Hyperkritik oder Kritik als Volkssport.
Enttrivialisierung der Kritik
Um die Kritik aus den Fängen der Hyperkritik zu befreien, muss an erster Stelle, wie der Pädagoge
Carsten Bünger schreibt, eine Enttrivialisierung der Kritik stattfinden.
Es handelt sich bei Kritik um keine formal zu erlernende Methode oder eine zu vermittelnde Kompetenz. Kritik in unserer Zeit muss gesellschaftliche Strukturen
analysieren, um die dahinterstehende Logik der gesellschaftlichen Reproduktion von sozialen Ungleichheiten und Hierarchisierungen offenzulegen. Im Kontext
einer kritischen Lehrer*Innenbildung könnte dies heißen, z.B. die Frage zu stellen, warum es trotz aller dringend benötigten Reformen – z.B. Projekt Einheitsschule
oder Entschleunigung von G8 - in unserer Gesellschaft wichtig ist, Verlierende und Gewinnende zu produzieren?
Linke Bildungsangebote
Wir von der Hochschulgruppe dielinke.SDS versuchen, dem Zeitgeist der Hyperkritik, der sowohl in der Lehre als auch im Alltagsverstand der Menschen fest verwurzelt ist, eine kritische politische Bildung entgegenzusetzen, die sich stets im Spannungsverhältnis von selbstreflexiver Ideologiekritik
und einer hegemonietheoretischen Machtanalytik bewegt. Der
SDS und seine Mitglieder versuchen, dies in unterschiedlichsten Kontexten mit verschiedensten Partner*Innen in Form selbstorganisierter Lesekreise (z.B. Gramsci- Lesekreis, Marx-Lesekreise,
Lesekreis zur alternativen Stadtentwicklung, Imperialismustheorien-Lesekreis), Veranstaltungen
(z.B. Eine Stadt für alle, Kampf um Kobané – Wofür steht Rojava?, Gentrifizierung, Demokratie vs. Kapitalismus), aber auch in der Form von Lehrveranstaltungen
(z.B. Antonio Gramsci lesen!) zu leisten.
Gemeinschaftlicher Prozess Kritische politische Bildung ist ein
Prozess, der von dem Engagement und wechselseitigen Austausch verschiedener Akteur*Innen aus unterschiedlichsten Kontexten lebt. Alle diese verschiedenen Akteur*Innen eint in diesem Prozess die Empörung über unterschiedlichste gesellschaftliche Zustände, die Machtlosigkeit und Ignoranz herrschender Politik diese zu bearbeiten, der Wille zur Veränderung
und der Glaube, dass eine andere Welt möglich ist.
Wir, der SDS an der Uni Bielefeld, wollen Teil dieses Prozesses sein und helfen, diese Empörung und
Wut zu strukturieren!
Wir fordern, dass der AStA und die Unileitung der Universität
Bielefeld selbstorganisierte studentische Lesekreise, Veranstaltungen und Lehrveranstaltungen finanziell und organisatorisch fördert und ebenfalls die Möglichkeit
des Leistungspunkteerwerbs für die Teilnahme bereitstellt.