08/04/2023
Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Und deshalb kommt erst jetzt, mit einiger Verspätung, mal ein kleiner Bericht zu unserer Teilnahme am Tag des offenen Denkmals 2022! Das Jahr war für uns so schwierig und arbeitsreich, wie es schon lange nicht mehr war. Und so musste auch ich mich bei der Vorbereitung auf das Wesentliche konzentrieren. Dennoch haben wir es geschafft, trotz strömenden Regens, an diesem Tag ca. 400 Besucher zu uns nach Borstendorf in den Fabrikhof zu locken. Und sie kamen u.a. aus Thüringen, Dresden und Leipzig. Was sie zu sehen bekamen, war ein Einblick in unsere aufwändige und oft mühsame Detektivarbeit. Spurensuche war das Motto. Und sie setzte sich sogar an jenem Tag fort. Diesmal konnten wir ehemalige Bewohner des Hauses nach 1945 begrüßen. Eine einstige Bewohnerin des großen Salons war ihrerseits auf Spurensuche nach ihrer Kindheit. Sie signierte uns ein Foto von einem Strichmännchen, welches sie als kleines Kind an eine inzwischen verschwundene Wand im großen Salon gekritzelt hatte. Und sie konnte noch einmal die Fotowand ihres inzwischen verstorbenen Bruders sehen, die wir auf unserem Dachboden gefunden hatten. Eine ältere, über 90 jährige Dame kam mit ihrer Tochter, die in den 1950ern in unserem Dachgeschoss geboren wurde. Sie zog bereits 1945 ein und kennt das Haus noch aus in jenem Zustand, wie es 1945 vom letzten privatwirtschaftlichem Geschäftsführer der Papierfabrik verlassen wurde. Das letzte Hausmädchen des Direktor Mahls hatte noch im Dachgeschoss ihre Stube. Der große Salon wurde Saal genannt. Der Stuck war noch vollständig an der Decke. Samt Rondell in der Deckenmitte, wie wir es vermutet hatten. Die Malereien zeigten die vier Jahreszeiten. Und ihre Mutter war stolz, dass sie die alten Messingwasserhähne immer so glänzend polierte.
Ein ehemaliger Betriebsschlosser der Papierfabrik erzählte uns von seiner Kindheit in einer anderen Wohnung, die wir später als Bibliothek nutzen werden. So geht Spurensuche.
Und zum ersten Mal seit über 70 Jahren gab es bei uns auch etwas zu sehen, was es hier zum letzten Mal mit der Hausbediensteten des Direktor Mahl zu sehen gab: Unsere weiblichen Aufsichten waren als echte Hausmädchen gekleidet. In professionellen Uniformen, welche noch in letzter Minute von einem Spezialversand geliefert wurden. Die Stirnbänder habe ich natürlich selber nach einer Vorlage von 1931 gefertigt. Die Mädchen waren hübsch und charmant. Und sie haben ihre Arbeit sehr gut gemacht. Immerhin haben wir Besucher das erste Mal in unsere privaten Wohnräume vorgelassen. Da ist es schon gut, wenn jemand aufpasst, dass auch alles an seinem Platz bleibt. Mädels Ihr seid ganz große Klasse gewesen. Dank Euch konnte ich mich voll auf meine Führungen und Gespräche konzentrieren.
Danke auch an Frau Ardelt für ihre „Personalvermittlung“. Danke an den Hausherrn, meinem Mann, der sich um unsere Besucher neben den Führungen kümmerte. Und Danke an Daniel Leopold., unseren treuen Freund und Wegbegleiter, der den ganzen Tag den Empfang in der Halle organisierte. Und Danke an den anonymen Herrn, der uns eine kleine Kiste mit alten Türbeschlägen schenkte. Danke an die Firma Grünperga, die uns einer ihrer Fahrzeuge der ehemaligen Betriebsfeuerwehr zur Verfügung stellte. Das Fahrzeug war früher bei uns in der Garage untergebracht. Es kam ein letztes Mal vor seinem Verkauf nach Hause.
400 Leute hinterlassen natürlich ihre Spuren. Die Hausmädchen gingen nach Hause. Am Tag danach schlüpfte die Dame des Hauses dann wieder in die Rolle der Hausdame und hat alles alleine nochmal durchgeputzt.
Trotz aller Anstrengung, davor und auch danach, war es wieder ein wundervoller Tag mit vielen guten Gesprächen, jeder Menge Gedankenaustausch und auch Motivation für uns. Ich hoffe, dass wir unseren Besuchern so ein schwieriges Projekt einfach mal etwas praktisch näher bringen konnten. Manch einer wunderte sich auch, wie wir unter solchen Umständen mitten in unrenovierten Räumen überhaupt leben können und ja irgendwie auch wollen. Seltsame Leute sind wir! Aber es sind genau jene Kompromisse und Einschränkungen, die man eingehen und in Kauf nehmen muss, um so ein großes Projekt zu wagen und auch zu halten.
Im kommenden September sind wir wieder dabei!