01/09/2026
Heute ist der 87. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen und des Beginns des Zweiten Weltkriegs:
Ein Memento an den blutigsten Krieg der Menschheitsgeschichte, an das Scheitern des Appeasements gegenüber totalitären Regimen und an historische Erinnerungslücken, die weiterhin geschlossen werden müssen.
„Hallo, hallo, hier ist Warschau und alle Sender des Polnischen Rundfunks. Heute Morgen um 5.40 Uhr haben deutsche Truppen unter Bruch des Nichtangriffspakts die polnische Grenze überschritten. Mehrere Städte wurden bombardiert.“ Kurz darauf folgten die Worte: „Nun also Krieg!“ So verkündete der polnische Rundfunk vor 87 Jahren den deutschen Überfall auf Polen.
Er markierte den Beginn des tödlichsten Krieges der Menschheitsgeschichte, des Zivilisationsbruchs der Shoah und einer Epoche totalitärer Gewalt. Mehr als 60 Millionen Menschen kamen ums Leben, darunter deutlich mehr als fünf Millionen polnische Staatsbürger, ungefähr drei Millionen von ihnen polnische Juden.
Für Polen bedeutete der Krieg mehr als fünf Jahre brutalster Unterdrückung: Zerstörung und Massenerschießungen, den Angriff des nationalsozialistischen Deutschlands und der Sowjetunion, gezielte Vernichtungsaktionen beider totalitärer Besatzungsregime gegen die polnischen Eliten und die polnische Kultur, Deportationen und Zwangsarbeit. Im Generalgouvernement konnten selbst kleinste Formen der Hilfe für verfolgte Juden, bis hin zur Versorgung mit Lebensmitteln wie Brot, mit dem Tod bestraft werden.
Zugleich zeigte sich ein unerschütterlicher Freiheitswille. Der polnische Widerstand nahm oftmals ebenso heroische wie tragische Formen an. Die Hoffnung auf ein freies, unabhängiges und prowestlich orientiertes Polen erfüllte sich 1945 nicht. Stattdessen geriet das Land unter sowjetische Vorherrschaft. Zurück blieb das bis heute tief verankerte Gefühl, von den westlichen Alliierten in Jalta preisgegeben worden zu sein.
Im kommunistischen Nachkriegspolen wurden zahlreiche Angehörige des nichtkommunistischen Widerstands nicht geehrt, sondern verfolgt, inhaftiert und ermordet. Witold Pilecki, der einzige Mensch von dem bekannt, dass er freiwillig nach Auschwitz ging, um dort ein Widerstandsnetzwerk aufzubauen und die Weltöffentlichkeit zu informieren, wurde 1948 nach einem stalinistischen Schauprozess hingerichtet.
Traditionell wurde der Beginn des deutschen Überfalls auf Polen vor allem mit der Beschießung der polnischen Garnison auf der Westerplatte bei Danzig durch die „Schleswig-Holstein“ verbunden. Später trat das Bombardement der unverteidigten Stadt Wieluń stärker in das öffentliche Bewusstsein. Beide Orte stehen heute sowohl für den polnischen Widerstand als auch für das Leid der Zivilbevölkerung. An ihnen zeigt sich zugleich der Wandel der Erinnerungskultur: Die Westerplatte, lange vor allem ein Symbol militärischer Tapferkeit, wird zunehmend in einen europäischen Zusammenhang gestellt. Wieluń, erst viel stärker historische Bewusstsein gerückt, ist heute ein wichtiges Symbol für den gegen die Zivilbevölkerung gerichteten Charakter des deutschen Vernichtungskrieges.
Doch gerade im deutsch-polnischen Kontext bleiben zahlreiche Erinnerungslücken zu schließen. Einer davon widmet sich heute Abend Dr. habil. Tomasz Ceran vom Pilecki-Institut. In seinem Vortrag in der Topographie des Terrors spricht er über das sogenannte Pommernverbrechen: die systematischen Massenmorde, die deutsche Besatzer im Herbst 1939 an der polnischen Zivilbevölkerung in Pommern und Kujawien verübten. Diese Verbrechen stehen in Deutschland bis heute häufig im Schatten anderer deutscher Gewaltverbrechen im besetzten Polen. Topographie des Terrors
Dabei bilden sie nur eine Station in einer weit größeren Geschichte: Dazu gehören die Massenmorde in Piaśnica und Palmiry, die gezielte Vernichtung der polnischen Eliten im Rahmen der „Intelligenzaktion“ und der AB-Aktion, die „Befriedungsaktionen“ gegen ganze Dörfer wie Michniów, die Vertreibungen und Germanisierungsmaßnahmen in der Region Zamość sowie die Massaker an der Warschauer Zivilbevölkerung.
Das Pilecki-Institut organisiert regelmäßig Weiterbildungsseminare, Workshops, Vorträge, Stipendienprogramme und weitere Veranstaltungen, um diese „nachholende Erinnerung“ zu ermöglichen. Derzeit findet in Polen ein gemeinsam mit dem Museum des Warschauer Aufstands organisiertes Weiterbildungsseminar für mehr als 20 Lehrkräfte statt. Die Teilnehmenden begeben sich auf die Spuren der Warschauer Geschichte und besuchen Erinnerungsorte, die mit der deutschen Besatzung Polens, dem Polnischen Untergrundstaat und dem Warschauer Aufstand verbunden sind. Workshops, Vorträge und Exkursionen ermöglichen es ihnen, ihre historischen Kenntnisse zu vertiefen und zugleich Methoden und Materialien kennenzulernen, die sie später im Schulunterricht und in außerschulischen Bildungsprojekten einsetzen können.
Offene Aufgaben bleiben auch der Umgang mit dem deutschen NS-Kunstraub, die Unterstützung der noch lebenden Opfer der deutschen Besatzung und die Schließung eklatanter Wissenslücken. Eine von Ipsos im Auftrag des Pilecki-Instituts durchgeführte Studie hat erhebliche Defizite im Wissen der deutschen Bevölkerung über Polen und die dort begangenen deutschen Verbrechen offengelegt. Pilecki-Institut
All dies geschieht in einem gesellschaftlichen Klima, in dem Gedenkstätten zunehmend von politischen Angriffen, Geschichtsrevisionismus und Versuchen berichten, ihre Arbeit einzuschränken. Gerade deshalb bleibt historische Aufklärung keine bloße Beschäftigung mit der Vergangenheit. Sie ist eine Aufgabe der Gegenwart.