19/07/2021
Liebe alle,
die Tatsache, dass einige feministische Gruppen in ihren Aufrufen/Veranstaltungen/Texten nicht mehr von FLINTA, sondern von FINTA sprechen, möchten wir zum Anlass nehmen, daran zu erinnern, woher das L in der Aufzählung kommt und warum die Nennung wichtig ist.
Folgende Punkte scheinen für manche gegen das L in FLINTA zu sprechen:
• „Lesben sind Frauen, fallen also unter das F.“
• „Indem wir Lesben im F mitmeinen, wenden wir uns gegen Heterosexuelle, die Lesben das Frau-Sein absprechen.“
• „Lesbisch-Sein ist eine sexuelle Orientierung – also gehört das L nicht in eine Aufzählung von Geschlechteridentitäten.“
Wir möchten verhindern, dass eine Gruppe und eine Kraft des Feminismus durch ein Nicht-Benennen verschwindet. Das Streichen des L aus FLINTA ist besonders für Lesben, die schon in den 1970er/80er Jahren um ihre Sichtbarkeit in der Frauenbewegung gekämpft haben, bitter - aber nicht nur für diese!
Auch jüngere Lesben und Personen, die sich nicht als lesbisch definieren, aber mit Lesben solidarisch sind, sind irritiert und wütend über das "Verschwinden" des L. Es fühlt sich an wie ein
Rückschritt, eine Unsichtbarmachung.
Wenn wir von FLINTA-Räumen sprechen, wird dadurch auch eine feministische Perspektive deutlich. Die heutige Bezeichnung FLINTA-Räume hat ihre Wurzeln in Frauen- (F) und Lesben- (L) und später FrauenLesbenräumen (FL) als gemeinsame feministische Schutz- und Ermöglichungsräume. Alle Freiräume
bestehen bis heute, teilweise nebeneinander, teilweise miteinander.
Zudem ist FrauenLesben ein feststehender Ausdruck aus den feministischen Bewegungen und ein fester Teil unserer Herstory. Das Aufbrechen der patriarchal festgezurrten Zuschreibungen bzgl. eines gedachten Konstruktes – weiblich oder männlich – und damit das Hinterfragen und das Verändern von sozialen Rollen sowie der Begriffe - Geschlecht, Gender, Binarität, Identitäten, Rassismus, Intersektionalität, Separatismus sowie Segregation und Inklusion - ging nicht allein, aber eben auch
von Lesben und Frauen aus. Sie haben Konstrukte und Zuschreibungen mit aufgelöst, durch neue ersetzt und inhaltlich und politisch vorangebracht.
Im Laufe der 1970er Jahre formierte sich mit der "Neuen Frauenbewegung" in der BRD ein neues politisch-kämpferisches Wir - wir Frauen. Nur stellte sich heraus, dass es dieses einheitliche Wir so gar nicht gab. In der politischen Zusammenarbeit mit heterosexuellen Frauen wurden Lesben unweigerlich damit konfrontiert, dass sie andere Diskriminierungen erfuhren und zum Teil andere politische Schwerpunkte und Ziele hatten. Insgesamt nahmen sie eine andere gesellschaftliche Position im Patriarchat ein als heterosexuelle Frauen. Ebenso wenig wurden die Diskriminierungserfahrungen von Frauen of Color, Schwarzen Frauen, Frauen mit Behinderung, Arbeiterinnen usw. berücksichtigt – Stichwort "Intersektionalität". Die weiße nicht-behinderte Hetera verstand sich als unmarkierte Norm und meinte fälschlicherweise für „alle Frauen“ zu sprechen.
Während Lesben von Heterosexuellen häufig das Frau-Sein abgesprochen wurde/wird, gab und gibt es auch Lesben, die sich selbst nicht als Frauen definieren oder nur kontextabhängig. Lesben definieren selbst, was oder wer sie sind. Das heißt, Betroffene definieren selbst ihre Identitäten, nicht andere. Viele Lesben erleben Gewalt als Lesben und nicht nur als Frauen. Das geht auch Frauen oder Trans oder Inter so, die als Lesben gelesen werden und die die volle Wucht des Patriarchats trifft.
Lesbisch-Sein ist somit nicht nur eine sexuelle Orientierung, sondern auch eine (Geschlechter-)Identität und eine politische Positionierung (siehe mehr dazu bspw. in den Werken der
lesbischen feministischen Theoretikerin Monique Wittig). Es ist nicht nur ein bestimmtes Begehren, sondern ein Habitus, eine Lebensart und ein Bewusstsein. Es ist auch Sprachpolitik, die etwas aussagen soll. Es gibt auch viele sog. Heteras, die einen lesbischen Habitus haben und solidarisch mit Lesben feministisch kämpfen, und das ist wichtig im kollektiven Kampf gegen das Patriarchat.
Wir sind uns bewusst, dass der Begriff FLINTA einem stetigen Wandel unterliegt - und das ist auch gut so. Vor nicht allzu langer Zeit fehlte z.B. noch das N für nicht-binär und mittlerweile wird
häufig noch ein A für Agender ergänzt. In einer grenzenlos feministischen und solidarischen Gesellschaft wird eine derartige Aufzählung der Positionierungen nicht mehr nötig sein - allein
deshalb, weil es die unterschiedlichen Diskriminierungserfahrungen nicht mehr geben wird. Aber
leider sind wir noch lange nicht an diesem Punkt. Und durch das Streichen einzelner Positionierungen - in diesem Fall das L für Lesben - wird einmal erkämpfte Sichtbarkeit wieder rückgängig gemacht, obwohl sie so wichtig ist wie eh und je.
Dies halten wir für einen Rückschritt, den es aus feministischer Sicht nicht nur als backlash zu benennen, sondern auch unverzüglich aufzuhalten gilt.
Für die feministische VV wünschen wir uns deshalb,
• dass die Identitäten von Lesben anerkannt und auch in ihrer politischen Dimension
wahrgenommen, verstanden und akzeptiert werden.
• dass das L grundsätzlich und selbstverständlich in FLINTA mitgenannt wird.
• ein Sprechen miteinander und nicht stellvertretend füreinander.
*FLINTA, bildet Banden – lasst uns gemeinsam kämpfen für die feministische Revolution!*
Mit feministischen Grüßen
eure drf