07/09/2017
Politik und Verlässlichkeit sollten Hand in Hand gehen. Es gehört zu den Mechanismen der Glaubwürdigkeit, dass man sich an das hält, was man vereinbart hat und das meint, was man sagt. Es gehört aber auf der anderen Seite derzeit zur bitteren Realität der EU, dass viele einmal getroffenen Vereinbarungen und Verträge praktisch am laufenden Band gebrochen werden.
Da wären zum einen die Regelungen des Stabilitäts- und Wachstumspakts: Diese sehen vor, dass die Staaten der EU einen ausgeglichenen Haushalt vorzulegen haben, um Konjunkturschwankungen bewältigen zu können, die Staatsschulden nicht mehr als 60 % der Wirtschaftskraft betragen dürfen und das jährliche Defizit 3% des Bruttoinlandsprodukts nicht überschreiten darf. Doch die Realität sieht schon lange anders aus: Italien hatte beispielsweise 2012 einen Schuldenstand von ca. 123 % des BIP, was einige bereits als Grenze der Tragfähigkeit ansahen. Und heute? Der Stand ging nicht etwa zurück, sondern beläuft sich auf über 132 % - Tendenz steigend. Gegen die genannte Defizitgrenze von 3% wurde laut ifo-Institut 168 mal verstoßen (!).
2012 war im Übrigen auch das Jahr, in welchem in Europa angesichts dieser desaströsen Entwicklung und der Griechenlandkrise der sogenannte Fiskalpakt beschlossen wurde. Dieser enthielt neue Regelungen für staatliche strukturelle Defizite – welche ebenfalls permanent missachtet werden.
Hier wird deutlich, dass Verträge von vielen EU-Staaten nicht als bindend angesehen werden, sondern bestenfalls als politische Verhandlungsmasse. Diese Entwicklung halte ich für fatal, zumal die Steuerzahler oftmals die Rechnung für politische Nachlässigkeit tragen. Es war beispielsweise in der EU nach den letzten Krisenerfahrungen einvernehmlich vereinbart, keine Krisenbanken mehr mit Steuermitteln zu retten. Kaum ist die Tinte trocken, werden in Italien nun wieder Kreditinstitute gerettet. Dies unterwandert auf Dauer nicht nur das Vertrauen in die europäischen Institutionen, sondern in die Politik insgesamt. Denn die Bürgerinnen und Bürger haben sich ihrerseits im Alltag an Regeln zu halten: Niemand unterschreibt nach einem erfolgreichen Bewerbungsgespräch einen Arbeitsvertrag mit dem Ziel, nicht am Arbeitsplatz zu erscheinen. Und niemand unterzeichnet einen Mietvertrag, um dann lautstark zu erklären, er hätte nicht damit gerechnet, Miete zahlen zu müssen.
Wenn der Staat von den Bürgerinnen und Bürgern erwartet, sich an geltendes Recht zu halten, dürfen die Bürgerinnen und Bürger dies ihrerseits auch vom Staat erwarten.
Aus diesem Grund betrachte ich auch die Rettungspolitik mit großer Skepsis. Man unterstützt ausgerechnet jene die mehrfach erklärt haben, sich ohnehin nicht an einmal getroffene Vereinbarungen halten zu wollen. Dass es wieder notwendig wird, die Nichtbeistandsklausel (kein Land haftet für die Schulden eines anderen) zu betonen, zeigt ein Blick in die Geschichtsbücher: Als Alexander Hamilton, der erste Finanzminister der gerade gegründeten Vereinigten Staaten, die Schulden der einzelnen Bundesstaaten auf den Gesamtstaat übertrug, führte dies dazu, dass die einzelnen Bundesstaaten neue Schulden anhäuften. Irgendwer wird dafür schon zahlen. Die Folge: Zwietracht, angesichts dieser Spirale der Verantwortungslosigkeit. Dazu darf es in Europa nicht kommen.
Da die Selbstbindung der Politik offenkundig und erwiesenermaßen nicht funktioniert, kann hier ein neu zu schaffendes Insolvenzrecht für Staaten dafür sorgen, dass die Konsequenzen der eigenen Entscheidungen wieder ernster und gewissenhafter bedacht werden. Die bisherige Leichtfertigkeit liegt ja eben in der Hoffnung begründet, irgendjemand anders werde schon für die Schulden haften und sei es die kommende Generation.
Das bisherige Prinzip „zweimal Unrecht ergibt ein wen interessiert’s“ ist krachend gescheitert und wird zu einer ernsthaften Gefahr für Europa. Die Frage sollte nicht mehr lauten „Wie können wir neue Rettungsmilliarden mobilisieren?“ oder „Wie kann der nächste Schuldenschnitt durch juristische Winkelzüge geschickt kaschiert werden?“, sondern vielmehr: „Wer haftet für Schäden durch Politik?“