06/09/2026
Vom Geist der blauen Fluten und der Magie des Zwetschgenkuchens: Das große Abschiednehmen im Parkschwimmbad
Henry Schmidt
Wenn der Spätsommer seine goldenen Fühler ausstreckt und die Tage beginnen, sich in die Länge zu ziehen wie ein müder Badegast auf einer Liegewiese, schlägt im Parkschwimmbad zu Sprendlingen die Stunde der Wahrheit. Es ist die Stunde des traditionellen Abschwimmens – ein feierlicher Akt, der weniger mit sportlicher Ertüchtigung zu tun hat als vielmehr mit der hohen Kunst des gemeinschaftlichen Genießens.
Man verabschiedet sich von der Freibadsaison, nicht mit lautem Wehklagen, sondern so, wie es sich für zivilisierte Menschen gehört: Man rückt die Tische auf der ehrwürdigen Schwimmbadterrasse zusammen und bittet zu Tisch.
Der unbestrittene König dieses nachmittäglichen Kaffeekränzchens war ohne Zweifel der Zwetschgenkuchen. Brigitta aus Dreieichhain hatte sich ein Herz gefasst und gleich zwei monumentale Bleche frisch gebacken – eines kühn mit Streuseln bedeckt, das andere in puristischer Nacktheit. Die Zwetschgen, durch die Hitze des Ofens in einen Zustand vollkommener, saftiger Weichheit versetzt, verströmten eine fruchtige Säure, die den süßen Teig auf das Trefflichste herausforderte. Der Boden selbst – dezent süß, mit einer noblen Butternote und einem flüchtigen Hauch von Vanille und Zitrone – war von jener idealen Beschaffenheit, die saftig-feucht ist, ohne jemals in die Gefilde des Matschigen abzugleiten. Ein absolutes Meisterwerk der Backkunst!
Als wäre dies nicht genug des Guten, gesellten sich frisch gebackenes Brot mit einer verwegenen Knoblauchbutter und jene feinen Rosinenbrötchen hinzu, die Brigittas Freundin spendiert hatte. Man kann mit Fug und Recht behaupten: Es war ein Festmahl für die Götter, oder zumindest für jene, die den Sommer zu schätzen wissen.
Inmitten dieser fröhlichen Runde thronte Brigitta. Mit ihren 90 Jahren ist sie der lebende Beweis dafür, dass das Sprendlinger Nass ein veritabler Jungbrunnen sein muss. Seit über sechs Jahrzehnten pilgert sie in den Sommermonaten fast täglich an diesen Ort. Wenn man sie so betrachtet, glaubt man gerne, dass das Geheimnis des langen Lebens nicht in obskuren Elixieren liegt, sondern im täglichen Sprung ins kühle Nass und einem anschließenden Stück Kuchen.
So saßen wir alle beieinander – Herta, Ursula, Brigitta, ich, Elli, der Sänger, Frau Haas, Christa, Uschi und die ganze illustre Schar der Stammgäste. Zwischen Kaffeetassen und Kuchen wurde gelacht, geschlemmt und ein feierliches Gelöbnis abgelegt: Im nächsten Jahr, wenn das wunderschöne Freibad sein stolzes hundertjähriges Bestehen feiert, wollen wir alle wieder frisch und munter an Ort und Stelle sein. Denn ein solches Jubiläum lässt sich kein echter Badegast entgehen – und der Zwetschgenkuchen im nächsten Spätsommer schmeckt garantiert noch einmal so gut.
Fotos. Schmidt