18/08/2021
Der OB-Kandidat der Freien Wähler, Ulf Küch (64), stellt sich den Fragen des Pressesprechers der Jungen Liberalen, Björn Ruhrmann (22).
Foto: Marvin Weber
LEBENSTEDT. Die SZ hat die Oberbürgermeister-Kandidaten zum Streitgespräch gebeten. Diesmal: Ulf Küch (Freie Wähler) gegen Björn Ruhrmann von den JuLis.
Härtetest für die Oberbürgermeister-Kandidaten Salzgitters: Unsere Zeitung bat sie zu einem Streitgespräch mit einem Überraschungsgast. Alle Bewerber stellten sich der Herausforderung, nur der AfD-Kandidat sagte ab. In Teil 2 der Serie trifft Ulf Küch (Freie Wähler, 64) auf Björn Ruhrmann (22) von den Jungen Liberalen (JuLis).
Der Pressesprecher der Jugendorganisation, der nach dem Gespräch einräumt, sehr nervös gewesen zu sein, trifft auf einen gestandenen früheren Polizeichef, der kein leichter Kontrahent ist, weil er einst im Streit von den Liberalen schied. Ruhrmann, der in Salzgitter-Bad wohnt, hat sich daher gut vorbereitet, das Parteiprogramm der Freien Wähler studiert, bevor er die gemeinsam mit den JuLis erarbeiteten Fragen von Karteikarten abliest.
Kritik an Doku-Reihe
Er fängt mit der umstrittenen Doku-Reihe „Hartz und herzlich“ an, für die der Privatsender RTL 2 auch in Salzgitter drehte, und will wissen, warum Küch trotz solcher Bilder wieder in die Politik zurückkehrt. „Ich bin hier geboren in dieser Stadt“, betont der Kandidat. Und er erinnert sich leidenschaftlich an alte Zeiten: „Als ich 15, 16 war, war Salzgitter die geilste Stadt hier – wir sind als Jugendliche nicht nach Braunschweig gefahren, warum auch?“ Es habe hier Diskotheken gegeben, auch „Haschbuden“, den Salzgittersee, ein super Freibad und drei Kinos. Als er „Hartz und herzlich“ gesehen habe („grottenschlecht“), habe ihn ein Bekannter angerufen und gesagt: „Da geht’s aber lustig zu in eurer Stadt“. Das habe ihn massiv geärgert, aber er hänge auch an Salzgitter, weil die Kommune die Heimat seiner Familie sei: „Ich möchte einfach, dass wir wieder Schwung reinbringen in diese Stadt und Perspektiven für den Nachwuchs bekommen.“
Absichten statt Versprechen
Ruhrmann hält dagegen, sagt, im Wahlprogramm der Freien Wähler sei wenig zu Heranwachsenden oder zur Bildung zu finden: „Wie können Sie so eine Stimme für die Jugend sein?“ Küch zählt die Themen Schule und Freizeiteinrichtungen, auch Digitalisierung („Da muss was getan werden“) auf, räumt aber ein, dass er aber nicht weiß, wie es um die Finanzpolitik der Stadt bestellt ist. Küch lehnt im Wahlkampf Versprechen ab, es könne nur um Absichten gehen: „Man muss sehen, was machbar ist“.
Der Azubi Ruhrmann berichtet, dass beim ihm leider viel Unterricht ausgefallen sei und fragt den Kandidaten, wie künftig der Unterricht gesichert werden könne. „Die Pandemie hat uns vor Probleme gestellt, die Kommunen allein nicht lösen können“, entgegnet Küch. Er sagt allerdings, er wäre während der Corona-Krise differenzierter vorgegangen. Küch macht seine Forderungen immer wieder anschaulich mit Beispielen aus dem eigenen Familienkreis, dem eigenen Dorf. Und immer wieder treibt ihn der Niedergang der Gastronomie um.
Häuslicher Missbrauch
Dann geht es um die Zunahme von häuslichem Missbrauch während der Pandemie. Küch will Aufklärung und Aufdeckung solcher Probleme. Schulen und Kitas müssten offenbleiben, zusätzliches Fachpersonal sei dringend nötig. Im Eifer des Gesprächs beantwortet der Politiker auch Fragen, die Ruhrmann gar nicht gestellt hat. „Die Zukunft sind die Alten und die Jungen – die Alten, weil sie immer mehr werden und die Jungen, weil sie auch da sind: Darum müssen wir uns kümmern“, ruft Küch engagiert.
Ruhrmann hakt beim Lehrermangel nach, beim Öffentlichen Nahverkehr, bei Radwegen, auch bei der Digitalisierung. Küch spricht sich für Umschichtung der Finanzen, für eine Priorität aus. Aber er gibt zu: „Das werde ich mir sehr genau ansehen“.
Die Zeit vergeht im Flug, Ruhrmann muss seine Fragen kürzen, ist am Ende aber beeindruckt: „Ich finde“, sagt er, „der Herr Küch hat sich auf jeden Fall sehr, sehr gut ausgedrückt und hat gute Argumente geliefert.“