21/01/2026
Hurra, das ganze Dorf war da.
Warum Netanyahu antifaschistischer als der gemeine Connewitzer und „nie wieder Gaza“ eine legitime Forderung ist
https://bonjourtristesse.wordpress.com/2026/01/21/hurra-das-ganze-dorf-war-da/
Selten ist man in Connewitz so aufgeregt wie in Zeiten, in denen Auswärtige in den eigenen Kiez eindringen wollen. Man hat zwar nichts gegen Fremde, aber die Fremden, die am vergangenen Samstag durch Connewitz laufen wollten, waren nun einmal nicht von „hier“. Ob die 1.300 Antisemiten und Hamas-Fans im Leipziger Süden tatsächlich so fremd waren, wie es die Sprachrohre der Eingeborenen verlauten ließen, muss offenbleiben. Immerhin regte sich ein gewisser – und wie es gerne heißt, vielfältiger – Widerstand gegen diesen Naziaufmarsch, freilich ohne überhaupt von N***s oder Islamfaschisten zu reden.
Jule Nagel, die schon immer den Lautsprecher des Connewitzer Bauchgefühls spielte, organisierte am Connewitzer Kreuz eine Kundgebung gegen die Eindringlinge unter dem selten hohlen Motto „All Connewitzer Are Beautiful“ (ACAB). Während auf Seiten der Antisemiten in derart schäbiger Weise gegen Israel gehetzt wurde, dass sich neben linken auch rechte N***s begeistert dem Vorhaben anschlossen, „Zios zu jagen“, zeigte die Kundgebung von Nagel und Co., dass ihr Motto eher Wunschdenken und Selbstinszenierung als Realität ist. „Beautiful“ ist daran gar nichts – wie im Redebeitrag der AG Antifa und der AG No Tears for Krauts Halle deutlich gemacht wurde.
Ähnlich wie bei Handala war Israel auf der Nagel-Kundgebung ein rotes Tuch. Wer auf die Idee kam, sich dort mit einer Israelfahne den Judenhassern in den Weg zu stellen, wurde von Ordnern der Kundgebung verwiesen. Nagel höchstselbst schwurbelte in ihrem Redebeitrag davon, dass Kriegstreiber beider Seiten im Nahostkonflikt das Problem seien. Während sie sich anfangs noch sehr hölzern um eine gönnerhafte Äquidistanz zwischen Juden und Judenmördern bemühte, sprach sie später dem hässlichen Connewitz aus dem Bauch, als sie forderte, man müsse den Druck auf die „extrem rechte Regierung unter Netanyahu aufrechterhalten“, um sie zur „Mäßigung und Friedensorientierung“ zu lenken.
Nagel argumentierte also ganz im Sinne der Antisemiten, indem sie betonte, wie schlimm, schlimm, schlimm und über alle Maßen rechts die Regierung Israels sei, der es nicht um den Schutz der Bevölkerung und Frieden im Nahen Osten gehe, sondern einzig und allein um maßlose Kriegstreiberei. Nahezu naturgemäß für eine wackere deutsche Israelkritikerin verlangte Jule Nagel mit ihrer Forderung nach einem „Stopp der Siedlerbewegung“, dass auch die Westbank – genau wie Gaza – „judenrein“ zu sein habe. Ganz im Konsens mit den meisten anderen Mitgliedern der antisemitischsten Partei im Bundestag geht sie offenbar davon aus, dass es den dort lebenden Palästinensern nicht zuzumuten sei, neben Juden leben zu müssen.
Explizit forderte sie auch einen Stopp der Waffenlieferungen an Israel, sodass sich Israel letztlich – so wohl die Hoffnung der Connewitzer Linken – dem nächsten Hamas-Massaker schutzlos ausgeliefert sähe. Ihre Forderung „F**k Hamas“ wurde selbstredend und lautstark um „F**k Netanyahu“ ergänzt. Dafür bekam sie Applaus von linken Deutschen aus dem Leipziger Süden. Es ist gut möglich, dass Nagel ihren Redebeitrag nur aus Versehen bei der falschen Kundgebung und nicht bei Handala gehalten hat. Sehr viel wahrscheinlicher ist jedoch, dass sie ihren Heimatschutz-Followern aus dem Herzen gesprochen hat.
Dass es auf der ACAB-Kundgebung kaum jemandem um die Kritik des Antisemitismus der vermeintlichen Usurpatoren ging oder gar um Solidarität mit dem Staat, den der Hamas-Mob ausgelöscht sehen will, sondern lediglich um Ruhe und Ungestörtheit auf der eigenen Scholle, konnte man auf vielen Bannern sehen, die das Viertel an diesem Tag schmückten. So ist auch die Ansage „Connewitz unbreakable“, die als Transparent auf der Kundgebung wehte, nur wenig mehr als die zeitgemäße Form von „Die Reihen fest geschlossen“. Immerhin macht man in Connewitz keinen Hehl aus der eigenen exkludierenden Wagenburgmentalität. Per Transparent, das an prominenter Stelle auf der Kundgebung hing, forderte man zudem – gar nicht so ironisch gebrochen, wie man es möglicherweise gern hätte: „Liebe Wessis, bitte bleibt in eurer Kolonie im Leipziger Osten. Oder in der Uni, in Berlin oder gleich in Bremen, Freiburg, Kassel und Co.“
Man kann es drehen und wenden, wie man will, aber am Ende des Tages bleibt auch der linkeste Connewitzer vor allem eines: ein Sachse, der nur so vor Ostzonalität trieft. Beim großen Hauen und Stechen um die Deutungshoheit darüber, wer denn nun die „wahre Antifa“ sei, dürfen Westdeutsche qua Herkunft offensichtlich nicht mitspielen.
Neben der Kundgebung der Linkspartei befand sich zum Schutze des Kiezes eine weitere Kundgebung eines israelsolidarischen Bündnisses unmittelbar neben dem Connewitzer ACAB-Stelldichein. Hierzu hatten bundesweit etliche Gruppen mobilisiert. Auffällig war dabei, dass viele der Aufrufe dieser Zusammenschlüsse ebenfalls ohne den Verweis auf Israel und den Islam auskamen. Einige der mobilisierenden Gruppen fremdelten sogar mit dem Begriff „Antisemitismus“ im Zusammenhang mit dem unheimlichen Aufmarsch.
Bereits am Vortag des großen Showdowns wurde klar, dass es einen solchen gar nicht geben würde. Die Demonstration der Antisemiten durfte nicht durch Connewitz laufen, sondern musste eine Route Richtung Innenstadt nehmen. Connewitz war gerettet. Überall hörte man Steine von den Herzen plumpsen.
Kurz nachdem sich am Demonstrationstag der Aufmarsch schließlich in Richtung Norden aufmachte, lösten sich nach diversen Redebeiträgen auch die beiden Gegenkundgebungen auf. Während die Mehrheit der Teilnehmenden nun nach Hause oder in die Kneipe ging, bewegten sich einige Dutzend Menschen entlang der Route der Antisemiten, um direkt vor Ort lautstark gegen den Aufmarsch zu protestieren. Unter Rufen wie „Free Gaza from Hamas“ wurde unter anderem mit Israel- und IDF-Fahnen gegen die wilde Melange an Judenhassern auf der Demonstration gepöbelt.
Zum Aufreger gereichten sowohl Handala & Co. als auch Connewitzern jeglicher Couleur zwei verbale Interventionen, die auf beiden Seiten Schnappatmung auslösten. Neben dem Ruf einer Einzelperson – zumindest laut vorliegendem Videomaterial sowie Augenzeugenberichten – Netanyahu sei ein Antifaschist, echauffierte man sich zudem über die Rufe „Nie wieder Gaza!“.
Seit Jahrzehnten führte das auf antifaschistischen Demonstrationen gerufene „Nie wieder Deutschland“ zu keinerlei nennenswerten Einwänden von Antifaschisten. Es war stets klar, dass damit auf die historische deutsche Volksgemeinschaft abgezielt wurde, die Europa in ein Schlachthaus verwandelte und antrat, möglichst alle Juden zu vernichten. Die Parole „Nie wieder Deutschland“, die im Kontext der Wiedervereinigung entstand, hieß, alles daran zu setzen, dass das Land der Judenmörder nicht wieder stark werden und seine sich selbst auferlegte historische Mission vollenden kann. Nun hat man plötzlich die berühmten „Bauchschmerzen“, wenn dasselbe für das Kollektiv gefordert wird, dass sich die Wiederholung der Shoa wie derzeit niemand anders auf die Fahnen geschrieben hat – und seinen unbedingten Willen dazu mit dem versuchten Genozid vom 7. Oktober 2023 aufs Schrecklichste unter Beweis gestellt hat.
Nicht erst, aber besonders offensichtlich seit dem 7. Oktober, weiß man, dass eine große Mehrheit der Palästinenser die Hamas und den Islamischen Dschihad bei ihrem antisemitischen Amoklauf vorbehaltlos mit Taten unterstützt oder diesen zumindest feiert. Die Berichte der israelischen Geiseln im Gazastreifen zeigen, dass diese sich selbst in den Händen der Hamas mitunter sicherer fühlten als in Gegenwart palästinensischer Zivilisten, von denen jederzeit mit einem Lynchmord zu rechnen war. Auch wenn einzelne Geiseln die Gelegenheit zur Flucht gehabt hätten, wurde davon abgesehen, da man sicher sein konnte, dass normale Anwohner in Gaza einen nicht mit dem Leben davonkommen lassen würden.
Selbstredend macht dies die Hamas-Mörder nicht weniger zu barbarischen Schlächtern – auch sie würden, wenn es ihnen nützt oder opportun erscheint, keine Sekunde zögern, die Geiseln zu töten, wie es bei einigen von ihnen auch geschah (u. a. Shiri Bibas und ihren beiden Kindern). Von der sogenannten Zivilbevölkerung ist jedenfalls keine Gnade zu erwarten, vielmehr sogar noch eine größere Unberechenbarkeit und ein geringeres Maß an Kalkül. Dass Juden nicht einmal im Krankenhaus in Gaza sicher sind, zeigt nicht zuletzt der Fall der Geisel Noa Marciano, die von einem palästinensischen Arzt getötet wurde, der in seinem grenzenlosen Sadismus das Video seiner Tat an die Angehörigen der Ermordeten verschickte. Die Botschaft ist klar: Kein Platz in Gaza ist sicher für Juden. Die absolute Mehrheit der Bewohner der Palästinensergebiete ist laut Umfragen immer noch der Meinung, dass der Angriff vom 7. Oktober gerechtfertigt gewesen sei.
Wenn nun mit der Parole „Nie wieder Gaza“ gefordert wird, genau die Verhältnisse abzuschaffen, in denen sich ein Mordbrennerkollektiv ausschließlich dem Töten von Juden verschreibt, entdecken auch sensible „israelsolidarische Menschen“ plötzlich Auslöschungsfantasien oder sorgen sich um „unschuldige Zivilist:innen“. Geflissentlich übersehen wird dabei, dass mit dieser Forderung keineswegs gemeint ist, jeden einzelnen Menschen in Gaza zu töten, sondern vielmehr, eine antisemitische Volksgemeinschaft anzugreifen, die Gaza beziehungsweise „Palästina“ nun einmal darstellt. Auf diese Weise ließe sich die kaum wahrnehmbare palästinensische Opposition besser stärken als durch das Verständnisinnige Zugehen auf die palästinensische Zivilgesellschaft, die kaum mehr als eine Vorfeldorganisation der Hamas ist.
Während Linke früher einmal Bomber Harris herbeisehnten und sich im polemischen Überschwang und der richtigen Lust an der Provokation der sekundären Volkegemeinschaft nicht weiter darum kümmerten, ob es selbst in Nazideutschland „unschuldige Zivilisten“ gab, differenzieren sie nun plötzlich mit Blick auf Gaza, bis sich die Balken biegen. Klügere Antideutsche, die einen Begriff davon haben, was „deutsch“ ist, benutzten den Spruch „Nie wieder Deutschland“ bekanntlich stets in dem Wissen, dass damit weder eine geografische Region noch kulturelle Besonderheiten gemeint sind, sondern eine politökonomische Konstellation, von der eine enorme Gefahr für die Welt und insbesondere die Juden ausging.
Während es den Deutschen im Zweiten Weltkrieg fast gelang, alle Juden in Europa zu ermorden, sind die Palästinenser mit demselben Vorhaben gegenwärtig noch weniger erfolgreich. Dies liegt jedoch nicht an mangelndem Willen, sondern an fehlenden Möglichkeiten – und an einer antifaschistischen Kraft, die nicht auf Lichterketten, runde Tische oder Begegnungen setzt, sondern auf bewaffneten Abwehrkampf: Nur die israelischen Streitkräfte verhindern die Auslöschung der Juden im Nahen Osten. Und das trotz einiger Verfehlungen rund um den 7. Oktober ziemlich erfolgreich.
Dass Deutsche in besonderem Maße dazu neigen, sich jederzeit ungefragt zu israelinternen Angelegenheiten zu äußern, ist bekannt – diese Unart ist auch in Teilen der israelsolidarischen Szene inzwischen weit verbreitet. Gebetsmühlenartig wird über die angeblich rechtsextreme und antidemokratische Regierung Israels lamentiert. Israel, das nach wie vor selbstverständlich die einzige Demokratie im Nahen Osten ist, bleibt dies auch dann – beziehungsweise gerade dann –, wenn es große innenpolitische Konflikte gibt.
Moralinsauer auftretende Israelfreunde sind jedoch noch links genug, um den israelischen Ministerpräsidenten als Inkarnation des Bösen darzustellen. Objektiv betrachtet ist er jedoch jemand, der kompromisslos antisemitische Mörderbanden in Gaza, der Westbank oder im Libanon bekämpft – und dies mit Entschlossenheit, Konsequenz und Erfolg. Damit ist er vor allem eines: ein Antifaschist. Während jahrzehntelang vor allem die durch und durch stalinistische Rote Armee als Inkarnation des Antifaschismus abgefeiert wurde, soll diese Bezeichnung nun ausgerechnet dem israelischen Ministerpräsidenten verwehrt werden. Benjamin Netanyahu hat in seiner politischen Funktion deutlich mehr N***s das Handwerk gelegt, als es die Connewitzer in ihren feuchtesten Träumen je schaffen würden. Möge der antifaschistische Abwehrkampf in und um Israel auch in Zukunft erfolgreich sein.
Lang lebe Israel!
Nie wieder Gaza!
Warum Netanyahu antifaschistischer als der gemeine Connewitzer ist und „Nie wieder Gaza“ eine legitime Forderung darstellt Selten ist man in Connewitz so aufgeregt wie in Zeiten, in denen Auswärtig…