31/12/2024
Die HSB informiert: 2024 praktisch schon geschafft!
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Der Fortschritt in Richtung befreiter Gesellschaft ging auch im Jahre 2024 unaufhaltsam voran. In Montevideo übernahmen Tupamaros die Regierungsgewalt. In der Premier League befindet sich Manchester City, das Aushängeschild der arabischen Despotie, seit Monaten in einer tiefen Formkrise. Die Sozialdemokratie erwartet alsbald die Quittung für ihre verräterischen Umtriebe in Form einer krachenden Wahlniederlage. Vereinzelte Rückschläge für die gerechte Sache, die es dieses Jahr in einigen wenigen Weltregionen zu verzeichnen gab, können getrost als bedauerliche Ausrutscher des Weltgeistes verbucht werden. Und erwähnten wir bereits den Sieg der Frente Amplio in Uruguay?
Für den globalen Triumphzug der staaten- und klassenlosen Weltgesellschaft tat auch die HSB ihren Teil. Mit regelmäßigem Schichtbetrieb und allmonatlichen Negativen Nachmittagen zu Themen wie der Geschichte Eritreas, den Fallstricken des Ideologiebegriffs oder dem Rätselcharakter altangelsächsischer Dichtkunst wurden die Massen mit geistiger Nahrung versorgt. Gemeinsam mit der AG Ost wurde die Übernahme des so genannten »Elbtowers«, des Schandmals des Olaf-Scholz-Regimes, erfolgreich vorbereitet (Einzug in die neuen Räume wegen diverser Mängel der Mietfläche zeitweilig zurückgestellt). Und – Peak Preview für 2025! – unsere Arbeitsgruppe setzt mit den kurz vor ihrer Veröffentlichung stehenden Thesen zum Begriff der Freiheit zum entscheidenden theoretischen Stoß gegen den Spätspätkapitalismus an. Wie man im Internet zu sagen pflegt: Watch this space!
An Lektüre wird es auch 2025 nicht fehlen. Aus der Flut neuer Bücher, die letztes Jahr ihren Weg in die Bibliothek gefunden haben, möchten wir Euch wie immer zum Jahresabschluss eine kleine Auswahl präsentieren. Zuvor aber, leider auch wie fast immer, der dringliche Hinweis, dass die HSB nicht bloß Bücher braucht, sondern auch – steuerlich absetzbare! – Mitgliedschaften und Spenden. Die anhaltend hohen Nebenkosten haben uns reichlich geschröpft, und auf Dauer werden wir uns den Betrieb nur leisten können, wenn mehr allgemeines Äquivalent in die Kasse kommt. Und es wäre doch zu und zu schade, wenn wir nicht wenigstens bis zur Aufhebung der Ware-Geld-Beziehung durchhalten könnten. Für Unterstützung: gerne eine Mail schicken oder während der Öffnungszeiten vorbeischauen (Mi. & Do. 17:00 bis 20:00)!
Pro bono, contra malum!
Der Generalausschuss
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Unsere Jahresliste:
* Umberto Eco, Der ewige Faschismus. Hanser, 2020. – Kernstück dieser kleinen Sammlung von politischen Essays ist der titelgebende Text, der eine Klassifizierung faschistischen Denkens und Handelns vornimmt. Dies tut Eco nicht in der Form einer festen Definition von Faschismus als vielmehr in der Herausarbeitung eines Katalogs an Merkmalen eines »Ur-Faschismus«. Das »Ur« bezieht sich hier nicht auf eine zeitliche Ur-Form als vielmehr auf einen verschiedenen Faschismen zugrunde liegenden Archetyp. Diese modulare Herangehensweise hat Eco explizit gewählt, um in der Betrachtung moderner Entwicklungen nicht quasi automatisch an den Punkt zu kommen, dass diese kein Faschismus seien, da Phänome x oder y des historischen Faschismus in den analysierten modernen Herrschaftssystemen nicht vorkommen. Vielmehr erlaubt der Rückgriff auf Wittgensteins Konzept der »Familienähnlichkeit«, Mischformen und besonders die Modernisierung von Faschismus in den Blick zu bekommen. Angesichts des momentanen weltweiten gesellschaftlichen Clusterf**ks ist das natürlich hochaktuell und hat auch die politische Arbeit der HSB höchstselbst sehr bereichert.
* Suzanne Maudet, Dem Tod davongelaufen: Wie neun junge Frauen dem Konzentrationslager entkamen. Assoziation A, 2021. – Vom Todesmarsch der Insassen des KZ-Außenlagers Leipzig-Schönefeld schlagen sich neun junge Frauen aus Frankreich, Spanien und den Niederlanden seitwärts in die Büsche, als die SS-Schergen aufgrund des allgemeinen Chaos gerade mal mit sich selbst beschäftigt sind. Ohne Ortskenntnis, Proviant, unverfängliche Zivilkleidung und Aussicht auf Hilfe von außen (die ihnen dann vereinzelt doch zuteil wird), aber mit umso mehr Tatkraft, Mut, Solidarität und einem untrüglichen Gespür für die ortsansässigen Ausprägungen des autoritären Charakters ausgestattet, laufen die Frauen auf wunden Füßen durch den nasskalten Frühling sächsischer Dörfer und nach acht Tagen unter Granatfeuer hindurch in die Arme amerikanischer Soldaten, die tatsächlich ziemlich genau dort sind, wo sie sie aufgrund sehr spärlicher Informationen vermutet haben. Von der bei der Flucht 22jährigen Suzanne Maudet kurz nach Kriegsende aus noch frischer Erinnerung niedergeschrieben und erst 2004, Jahre nach ihrem Tod, auf Initiative ihres Neffen veröffentlicht, liest sich die
Geschichte streckenweise wie ein etwas altmodischer Abenteuerroman für Jugendliche – und genau das ist die Stärke des Buchs. Denn die pathosarme, oft einfach knochentrockene Beschreibung der unglaublichsten Ereignisse kontrastiert immer wieder einem jugendlich romantischem Überschwang, der als Stilmittel von Lagerfeuer und Pfadfinderleben erkennbar bleibt. Und nur, dass hier aus der Vergangenheit der Freiheit zitiert wird, lässt als ihren Schatten den Weg durch die Hölle erkennen, den diese Unbeschwertheit inzwischen genommen hat. Das muss man gelesen haben.
* Arnold Metzger, Dämonie und Transzendenz. Neske, 1964. – Metzger ist einer der großen Sonderlinge der bundesdeutschen Philosophie. Als Husserl-Schüler unterstützte er den Umsturz 1918/19, dem er seine Schrift zur »Phänomenologie der Revolution« widmete (die sich ebenfalls in unserem Bestand findet). Nach seiner Rückkehr aus dem Exil kritisierte er die Restaurationsbestrebungen der Adenauer-Zeit und sympathisierte mit den revoltierenden StudentInnen – die er freilich vergeblich davon zu überzeugen suchte, statt auf den Marxismus doch lieber auf die antike griechische Philosophie zurückzugreifen. Kein Wunder, dass ihn niemand haben wollte. Bis auf die HSB: Seine in der vorliegenden Aufsatzsammlung enthaltene Studie über das »Dämonische im deutschen Denken« gehört zu den originellsten Dokumenten der frühen antideutschen Kritik.
* Der Hamburger Arbeiter- und Soldatenrat 1918/19. Eingeleitet und bearbeitet von Volker Stalmann. Droste, 2013. – Es war einmal, da haben Menschen es tatsächlich versucht mit der Revolution, auch in der Stadt der Pfeffersäcke. Der erfolgreichste Anlauf war vor gut hundert Jahren. Lange halten konnten die Räte sich nicht, aber die Hamburger Genossinnen und Genossen haben ihre Amtsgeschäfte penibel genau dokumentiert. Ein gut 1000-seitiges Schatzkästlein der Sozialgeschichte.
* Miles Davis (& Quincy Thorpe), Die Autobiographie. Hoffmann und Campe, 1990. – Miles Davis war ein Freak und ein Genie; das zeigt auch seine umfangreiche aber kurzweilige Autobiographie sehr deutlich. Besonders scheint er aber ein Mensch gewesen zu sein, dem vollkommen egal ist, was andere von ihm halten. Dies hat einige (teilweise sehr amüsante) Rants zur Folge sowie sehr deutliche Beschreibungen der Schattenseiten seines Lebens. Die Auseinandersetzung mit seiner Drogensucht, was sie aus ihm gemacht hat und wie das gesellschaftliche Drogenregime das Elend noch verstärkt, ist dabei sehr interessant. Die Darstellung seiner ausgeprägten und ziemlich stumpfen Mysogynie wird in Verbindung mit seiner sehr vernünftigen und bewundernswerten Auseinandersetzung mit dem alltäglichen Rassismus zu einem Paradebeispiel dafür, wie wenig doch eine progressive Einstellung gegenüber einem gesellschaftlichen Diskriminierungsfeld auf eine ebensolche in anderen Feldern schließen lässt…
Aber natürlich geht es zuallererst um Musik der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, auf die der Protagonist ja einen nicht eben geringen Einfluss hatte. Die Arbeit in den verschiedenen Musiker-Konstellationen (trotz aller Egozentrik rückt Davis im Bezug auf Musik immer die Zusammenarbeit in den Mittelpunkt) und wie daraus die Vielzahl an bahnbrechenden und genredefinierenden Werken entstanden ist, erzählt er in einer leidenschaftlichen Art, die seine Liebe zur Musik jederzeit spürbar werde, lässt. Das hervorragende diskographische Register, auf das im Text immer wieder verwiesen wird, ermöglicht es, die Veränderungen und Entwicklungen von Davis’ Musik auch aural mit zu verfolgen.
* Off the Wall: Fashion from East Germany, 1964 to 1980. Bloomsbury, 2005. – Ein Bildband, der schlagender als jede Abhandlung zeigt, warum es mit der DDR nichts wurde. Man wollte doch einfach nur so sein wie der Westen auch, quietschbunt und piefig zugleich; und lag doch selbst darin immer meilenweit daneben.
* Kenan Malik, Not so Black and White: A History of Race from White Supremacy to Identity Politics. Hurst, 2023. – Malik, Autor des vielbeachteten Buchs »From Fatwa to Jihad« (und 2011 auf Einladung der HSB in Hamburg zu Gast), untersucht hier die Geschichte des Rassismus und des Begriffs der Rasse in Beziehung zu den Kämpfen um soziale Gleichheit. Materialistisch begreift er Rassismus als Konsequenz daraus, den ideologischen Mehrwert des Universalismus einstreichen, dessen soziale Verwirklichung aber gleichwohl verhindern zu wollen. Als entsprechend wandlungsfähig erweist sich, wie die von Malik angeführten Beispiele verdeutlichen, was jeweils unter Rasse verstanden wird. So wurde von der besitzenden Klasse dereinst die arbeitende Masse der Menschen als andere Rasse betrachtet, ohne dass dies sichtbare Unterschiede vorausgesetzt hätte; und im Einwanderungsland par excellence, den USA, wurden mittels dieses Begriffs die verschiedenen europäischen Einwanderergruppen motiviert, sich nach je nationaler Herkunft voneinander abzusondern, um ihre Klassensolidarität zu untergraben. Maliks Kritik wendet sich dabei auch gegen ein Verständnis der sozialen Beziehungen, das sozusagen den Wagen vor das Pferd spannt, indem die soziale Ungleichheit als Resultat von »Rasse«-Beziehungen gesehen wird, statt in der Etablierung letzterer einen zeitweisen dominanten Modus zur Aufrechterhaltung ökonomischer Ausbeutungsverhältnisse zu erkennen. Entsprechend kann das Buch als Warnung vor einer Identitätspolitik verstanden werden, die sich von der Kritik der politischen Ökonomie losgesagt und damit die universalistische Stoßrichtung, die in dieser liegt, aufgegeben hat. Nicht zuletzt aufgrund der damit einhergehenden Gefahr für die Akteure dieser Politik selbst, sich in ökonomisch relativ folgenlosen Anerkennungskämpfen aufzureiben.
* James Q. Whitman, Hitlers amerikanisches Vorbild: Wie die USA die Rassengesetze der Nationalsozialisten inspirierten. Beck, 2018. – Als die N***s nach Blaupausen suchten, wie Jüdinnen und Juden juristisch hieb- und stichfest aus der Gattung auszuschließen seien, wandten sie ihren Blick in die amerikanischen Südstaaten: Dort definierten die so genannten »Jim Crow«-Gesetze, wer als Staatsbürger zweiter Klasse zu gelten hat. Whitman zeichnet nach, wie die NS-Juristen dieses Vorbild in die Form der »Nürnberger Rassengesetze« transponierten. Eine im Internet kursierende Lesart des Buches besagt dabei, Jim Crow sei ›selbst den N***s‹ zu radikal gewesen, weil sie die dort geltende »One-Drop-Rule« (ein afroamerikanischer Urahn in der 5. Generation stempelt einen schon zum »Farbigen«) verwarfen und sich auf »Halb-« und »Vierteljuden« beschränkten. Aber das ist mehr den Legitimationsbedürfnissen US-amerikanischer Linker als dem Autor selber anzulasten. Die Differenz zwischen den Gesetzen der Südstaaten und denen des Nationalsozialismus verweist vielmehr auf die Differenz zwischen Rassismus und Antisemitismus, die eben nicht eins zu eins ineinander übersetzbar sind; und zur Ergründung dieser Differenz bietet die Studie historisches Material.
* Corry Guttstadt (Hrsg.), Antisemitismus in und aus der Türkei. Hamburger Landeszentrale für politische Bildung, 2023. – Das Buch ist in den 13 Monaten seit seinem Erscheinen erwartungsgemäß zum Standardwerk geworden und mit seinen 29 Beiträgen in sieben Themenbereichen schlicht zu umfangreich, um hier seriös rezensiert zu werden. Beispielhaft sei auf den Beitrag von Şeyda Demirdirek über Efraim Hofstaedter Elrom verwiesen, der 1971 als israelischer Konsul in Istanbul von einem linken Kommando entführt und ermordet wurde. Die Autorin legt überzeugend dar, dass Elroms maßgebliche Rolle im Eichmann-Prozess den Entführern sehr wohl bekannt war, analysiert auf dieser Grundlage die bis heute andauernde Abfeierei des Mordes durch Teile der türkischen Linken und beschreibt, dann schon kaum noch überraschend, wie übergangslos antiimperialistische Parolen von Islamisten übernommen wurden. Bleibt zu hoffen, dass die angestrebte türkische Ausgabe des Bandes bald erscheint.
* Dirk Schindelbeck u.a., Zigaretten-Fronten: Die politischen Kulturen des Rauchens in der Zeit des Ersten Weltkrieges. Jonas, 2014.
* Tom Reichard, Die Zeit der Zigarette: Zur Beschleunigung des Rauchens in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. FU Berlin, Master-Arbeit, 2014
* Egon Caeser Conte Corti, Geschichte des Rauchens: Die trockene Trunkenheit. Ursprung, Kampf und Triumpf des Rauchens. Insel, 1986 [Nachdruck der Ausgabe von 1930] – Nach wie vor gilt: In der HSB gibt es Räume, in denen man gemütlich im Sessel sitzen und beim Lesen rauchen darf (man nennt das wohl heutzutage »Alleinstellungsmerkmal«). Und jetzt gibt es dazu auch die passende Lektüre dazu.
* Eva Müller, Scheiblettenkind. Suhrkamp, 2022. – In ihrem autobiographischen Graphic Novel erzählt die Autorin ihren Lebensweg als bildungsfernes Arbeiterkind vom Dorf, dem dieses Umfeld sowohl räumlich als auch gesellschaftlich zu eng wird. Die Protagonistin entflieht diesem in die Großstadt und dort in die Kunst- und linke Szene. Die durch diesen Weg vorgezeichneten Selbstzweifel und das Gefühl, nicht den jeweiligen Erwartungen der verschiedenen Milieus gerecht zu werden, ziehen sich (symbolisiert durch eine auf sie einflüsternde, allseits präsente Schlange) als roter Faden durch die Geschichte. Neben dem sehr passenden nüchternen, leicht minimalistischen Zeichenstil ist besonders die scharfe und entlarvende Beobachtung der verschiedenen sich selbst als emanzipatorisch verstehenden Milieus, in die sie gerät, beeindruckend. Die Szenen, in die sie Aufnahme findet, erschließen ihr ein Potential der Freiheit– bilden aber selbst wiederum eine neue Elite, die sich ignorant gegenüber der eigenen Privilegiertheit erweist. Nicht bahnbrechend neu natürlich, aber gerade durch den autobiographischen Bezug wie auch den lakonischen Erzählstil besonders eindrücklich.
* Gaston Dorren, In 20 Sprachen um die Welt: Die größten Sprachen und was sie so besonders macht. Beck, 2020. – Wer die zwanzig meistgesprochenen Sprachen beherrschte, könnte, Zweitsprachler mitgerechnet, sich mit immerhin drei Vierteln der Weltbevölkerung verständigen. Der Autor spricht zwar nur fünf davon (sowie zwei weitere, Niederländisch und Limburgisch, die es nicht in die Top Twenty geschafft haben), hat sich über die übrigen aber einiges angelesen und ist in der Lage, das präzise, konsistent und durchaus unterhaltsam zu referieren. Jenseits von Erläuterungen zu Grammatik und Wortschatz betrifft das vor allem Sprachpolitisches wie z.B. die Bedingungen, unter denen Mehrsprachigkeit innerhalb einer Nation ethnische Konflikte befeuert wie in Sri Lanka, oder eher nicht, wie in Indonesien, oder die Frage, warum Portugiesisch durch Kolonialismus zur Weltsprache wurde, Niederländisch trotz mancher ähnlicher Voraussetzungen aber nicht. Das Buch beginnt in Kapitel 20 (die Zählung läuft rückwärts) mit dem reflektiert dargelegten Scheitern des Autors bei dem Versuch, sich mit Vietnamesisch eine ostasiatische Sprache anzueignen, für die man als Europäer immerhin nicht auch noch eine fremde Schrift lernen muss. Um das Verhältnis von Sprache und Schrift sowie die Eigenarten von Tonsprachen geht es im Folgenden noch mehrfach, unter anderem in einem Zusatzkapitel 2a, das die äußerst widersprüchlichen Methoden des Umgangs mit der chinesischen Schrift in Japan beschreibt – während das Japanisch-Kapitel sich eher mit den Merkwürdigkeiten der althergebrachten, aber immer noch präsenten Frauensprache beschäftigt. Die feudalhierarchische Stratifizierung des Javanischen in drei Ebenen, die Wortschatz und Grammatik abhängig von der gesellschaftlichen Position vorschreibt, stammt dagegen nicht, wie zu erwarten wäre, aus dem Altjavanischen und spielte eine ausgesprochen ambivalente Rolle für die Unabhängigkeitsbestrebungen gegenüber dem niederländischen Kolonialismus. Das Kisuaheli-Kapitel wirft ein Schlaglicht auf die afrikanische Vielsprachigkeit und plädiert dafür, diese nicht ausschließlich als Hindernis aufzufassen. Und schließlich erfährt man auch, warum nach Ansicht nicht weniger Linguist:innen Deutsch einer der bizarrsten Sprachen überhaupt ist. Das alles ist stets hinreichend kontextualisiert, um weit über eine Ansammlung sinn- und nutzloser ›Fun Facts‹ hinauszuweisen, und taugt zuweilen gar zur Dekonstruktion mystifizierender Identitätsvorstellungen.
* Christiane Bürger u. Sahra Rausch, Der Prozess: Wie der deutsche Völkermord an den OvaHerero und Nama nicht vor Gericht kam. Mit Bildern von Tuavisiua Betty Katuuo. Maroverlag, 2014 [Maro-Heft Nr. 14]. – Die vielleicht derzeit schönste deutschsprachige Schriftreihe sind die (leider viel zu unbekannten) Maro-Hefte. Jede Ausgabe widmet sich, mit jeweils eigener ästhetischer Ausstattung, einem ungewöhnlichen oder unterbelichtetem Thema. Mit der Autorin Mira Landwehr bestritten wir im Frühjahr einen Negativen Nachmittag zur industriellen Blutverwertung; andere Hefte beschäftigen sich mit Jungfernhäutchen oder Phallushügeln. Weniger lustvoll ist der Gegenstand des vorliegenden Bandes: die andauernde Weigerung der Deutschen, für ihre Verbrechen in »Deutsch-Südwest« die finanzielle Verantwortung zu übernehmen. Ein Beleg mehr dafür, wie unsinnig es ist, Kolonialverbrechen und Shoah gegeneinander auszuspielen: Wie die Judenmörder von den Schlächtern der Nama und Herero lernten, so die Entschädigungsverweigerer von heute von den Entschädigungsverweigerern von einst.
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Und apropos: Mehrere Veröffentlichungen zur hochtrabend »Historikerstreit 2.0« benamsten Kontroverse um das (insbesondere erinnerungspolitische) Verhältnis von Kolonialismus und Nationalsozialismus haben wir ebenfalls neu im Bestand, die wir demnächst gesondert vorstellen werden (und aus denen hoffentlich auch eine entsprechende Veranstaltung erwachsen wird). Maßgeblich aufstocken konnten wir zudem, dank einer großzügigen Spende, unsere Nationalsozialismus-Abteilung insgesamt, zudem auch Themenfelder wie Psychoanalyse, Philosophie der Aufklärung und Architekturgeschichte – und nicht zuletzt unsere ausgewählten Werkausgaben in Gestalt von mehreren Bänden des in Vergessenheit geratenen Schriftstellers Oskar Maria Graf, auf den Brechts schönes Wort, das Volk sei nicht -tümlich, ausnahmsweise tatsächlich einmal zutrifft.