28/05/2026
Auch mit einigen Tagen Abstand fällt der Blick auf die vergangene Saison schwer.
Sportlich bleibt bei vielen das Gefühl zurück, dass dieser Abstieg vermeidbar gewesen wäre, und dass insbesondere im Schlussspurt jener von Fans oft eingeforderte „Klassenkampf“ nur noch ungenügend ausgelebt wurde.
Wir hatten überlegt, die sportlichen Gründe für den Abstieg ausführlich aufzuarbeiten und Punkt für Punkt zu sezieren. Doch Analysen dazu gibt es bereits an anderer Stelle reichlich. Und vor allem: Im eigentlich über viele Jahre vergleichsweise harmonischen Umfeld des FC St. Pauli haben die vergangenen Monate Konflikte sichtbar gemacht, wie sie in dieser Intensität für viele Fans ungewohnt oder gar beispiellos wirkten.
Im Mittelpunkt stand immer wieder die Debatte rund um unseren Capitano Jackson Irvine. Für viele weiterhin eine absolute Identifikationsfigur, für andere Auslöser scharfer Kritik und unbequemer Fragen. Seine öffentliche Positionierung, Diskussionen um Palästina-Solidarität, Erwartungen an ein klares Bekenntnis zum Existenzrecht Israels, Vorwürfe bis hin zum Antisemitismus gegenüber ihm und seiner Lebensgefährtin Jemilla Pir – all das entwickelte sich zu einem Konflikt, der auch weit über den Grenzen des Viertels ausgetragen und wahrgenommen wurde. Irvine selbst bezeichnete entsprechende Vorwürfe als „zutiefst verletzend“.
Unabhängig davon, wie man die einzelnen Positionen bewertet: Die vergangenen Monate waren geprägt von einer zunehmend öffentlich ausgetragenen Auseinandersetzung. Über Presse, soziale Medien, im Vereinsumfeld und teilweise auch auf den Rängen.
Auch international blieb das nicht ohne Folgen. Teile des einst breit vernetzten, progressiven und internationalen St.-Pauli-Umfelds distanzierten sich deutlich vom Verein oder von Teilen der Fanszene. Internationale Fanclubs lösten sich auf oder beendeten ihre Unterstützung, darunter unter anderem der FC St. Pauli Fanclub Catalunya / Barcelona sowie der Glasgow St. Pauli Supporters Club. Aus verschiedenen internationalen Zusammenhängen – etwa aus Griechenland, Italien oder dem Umfeld von Celtic – wurde ebenfalls Kritik laut. Beziehungen, die über Jahre als selbstverständlich galten, wirken heute spürbar belastet oder wurden gar stillgelegt.
Der Nahostkonflikt spielte dabei auch rund ums Millerntor eine Rolle. Banner, Positionierungen, hitzige Diskussionen und Berichte über teils eskalierende Situationen bis hin zu Auseinandersetzungen auf der Gegengerade markierten für viele einen schmerzhaften Tiefpunkt des Miteinanders.
Dazu kamen weitere Debatten im Umfeld des Vereins – etwa zu Awareness, FLINTA*-Solidarität, Schutzräumen und dem Umgang innerhalb der Fanszene. Unterschiedliche Erwartungen, Erfahrungen und politische Selbstverständnisse trafen aufeinander.
Es bleibt ein weiter schwelender Konflikt darüber, wie sich Verein und Fans öffentlich positionieren, wie St. Pauli wahrgenommen wird und welche Verantwortung daraus entsteht. Allen Erwartungen, Forderungen und Perspektiven gleichzeitig gerecht zu werden, erscheint kaum möglich.
Umso mehr bleibt die Hoffnung, dass aus einem Gegeneinander wieder ein konstruktiveres Miteinander werden kann. Dass Gräben, wo möglich, zugeschüttet werden. Und dass es gelingt, trotz unterschiedlicher Überzeugungen wieder stärker das Gemeinsame in den Mittelpunkt zu rücken.
St.Pauli bleibt unser aller Heimat, das Millerntor unser Zuhause.
Für immer mit dir.