20/04/2026
"EU-Parlament, Mutterschutz und Stimmrecht"
Ein Beitrag von Delara Burkhardt SPD Mitglied im EU-Parlament für Schleswig-Holstein:
Was heute leider gesellschaftlich immer noch ungewöhnlich erscheint, ist für mich seit einigen Monaten Realität: Meine Tochter war erst zwölf Wochen alt, als ich wieder vollständig in meine Arbeit als Europaabgeordnete eingestiegen bin. Seitdem pendle ich regelmäßig zwischen Kiel, Brüssel und Straßburg – oft mit Baby, Milchpumpe und vielen Stunden im Zug.
Mein schneller Wiedereinstieg nach der Geburt erfordert von mir und meiner Familie höchste Flexibilität. Mein großes Glück: meine Tochter Daria zieht mit. Sie schläft meistens 6 Stunden am Stück, ist fast immer gut gelaunt und fühlt sich überall wohl. Und dazu kommt noch eine weitere wichtige Komponente: Mein Mann und ich sind ein super Team. Er nimmt bis zum Krippenstart im August Elternzeit und kümmert sich um Daria, während ich arbeite. Mein Spagat hängt an einem engagierten Partner, an finanziellen Ressourcen und an meiner Tochter. Dieses Glück haben nicht alle Mütter und trotzdem möchte ich mit meiner Geschichte ermutigen.
Nach der Geburt wäre ich natürlich gerne länger zuhause geblieben, trotzdem war für mich immer klar, dass ich mein Mandat weiterhin und so schnell wie möglich wieder aktiv ausüben möchte. Die politischen Entscheidungen, die wir heute treffen, haben enorme Auswirkungen auf die Zukunft. Gerade deshalb finde ich es wichtig, dass auch Menschen mit kleinen Kindern in den Parlamenten vertreten sind und ihre Perspektive einbringen. Im Europäischen Parlament vertrete ich rund 860.000 Menschen. Wenn ich bei Abstimmungen nicht anwesend bin, fehlt ihre Stimme.
Delara Burkhardt und andere Mütter im EU-Parlament 2026
An dieser Stelle zeigt sich ein strukturelles Problem: Parlamente wurden nicht für junge Eltern konzipiert und schaffen es bis heute nicht deren Belange zu berücksichtigen. Im Europäischen Parlament konnten Abgeordnete ihr Stimmrecht bisher nicht übertragen, wenn sie im Mutterschutz oder in Elternzeit sind.
Gemeinsam mit meinen Kolleginnen aus dem Europäischen Parlament habe ich mich dafür stark gemacht, dass sich das ändert. Mit Erfolg: Das Europäische Parlament hat beschlossen, dass man sein Stimmrecht im Mutterschutz zukünftig delegieren kann, damit die Stimme von eben diesen 860.000 Menschen nicht fehlt. Leider gilt das bisher nur für weibliche Abgeordnete und die Einführung wird auch noch eine Weile dauern, da erst alle Mitgliedstaaten ihr Wahlrecht ändern müssen. Aber dennoch ist es ein großer Schritt hin zu einer politischen Realität, in der Elternschaft und Politik keine Gegensätze sein sollten.
Delara Burkhardt MdEP