09/10/2024
Ein paar Gedanken zur Europa-Brücke
Wir schreiben den 24. August 1980. Ein Sonntag. Das nasskalte, eher spätherbstliche als spätsommerliche Wetter lädt nicht gerade zu einem Moped-Trip durchs Oderbruch ein. Zusammen mit ein paar Kumpels, hat es mich an dem besagten grauen Sonntag dennoch hinaus getrieben. Unsere letzten Ferien neigten sich dem Ende zu. Eine Woche später würden wir, über die halbe (damalige) DDR verstreut, unsere Lehrausbildungen beginnen. Natürlich jeder für sich! Ein neuer Lebensabschnitt kündigte sich an. Daher hieß es, noch einmal die Freiheit zu genießen.
Wir fuhren von Zelliner Loose aus. einfach den Oderdamm entlang gen Norden. Vorbei an Güstebieser Loose bis nach Zollbrücke. Bis dahin kannten wir uns aus. Hinter Zollbrücke schimmerten plötzlich diffuse Lichter im grauen, den Tag vorzeitig enden lassenden Nieselregen.
Zunächst glaubten wir eine Baustelle vor uns zu haben. Doch die Baustelle sollte sich als eine imposante Stahlbrücke erweisen. Staunend nahmen wir das "Monstrum" in Augenschein. Betreten konnte man die Brücke nicht. Ein Stacheldrahtbewehrter Zaun verwehrte den Zutritt. Der neben dem "verrammelten" Eingang aufgestellter, mit einem metallenen DDR-Wappen versehener, schwarz-rot-goldener Grenzpfahl verlieh dem Bauwerk einen ungemein amtlichen Touch. Auch ohne den Anblick bewaffneter Wachposten wusste jeder DDR-Bürger, dass er keinesfalls über den Zaun klettern sollte.
Warum auch? Polen, dass Land dahinter, erschien uns trotz der geographischen Nähe, fern und fremd. Die "Oder-Neiße-Friedensgrenze" war nicht für völkerverbindende Begegnungen gedacht. Sie wurde ihren Namen genauso wenig gerecht, wie jener nasskalte Sonntag.
Die auf der Brücke verlegten Schienen wirkten völlig deplatziert. Warum sollten ausgerechnet hier Züge über die Oder rollen? Ich erfuhr erst später von dem " tieferen Sinn" dieser ausschließlich militärischen Zwecken dienenden Brücke. Dass heißt, im eigentlichen Sinn diente die Brücke den Großteil der Zeit nichts und niemanden. Ihre "große Stunde" sollte erst in einem, wie auch immer gearteten, "Ernstfall" schlagen. Die Brücke war sozusagen ein "Schläfer".
"Aufgeweckt" wurde die "schlafende Brücke" auch nach dem Ende der DDR nicht. Zaun und Stacheldraht durften sich ebenfalls über eine Wiederverwendung im geeinten Deutschland freuen. Anders als noch kurz zuvor, erschienen "Zaunkletterer" und "Stacheldraht-Verweigerer" plötzlich real zu werden. Die Leute wollten plötzlich jedoch nicht mehr raus aus unserem schönen Land, sondern herein. Viele aus denselben nachvollziehbaren Gründen, die kurz zuvor etliche nun mehr Ex-DDR Bürger aus eben diesen Land getrieben haben. Was sie nun allerdings geflissentlich verdrängten.
Auch diese Zeit ist mittlerweile Geschichte. Ein Teil der Staaten aus denen damals die "Zaunkletterer" kamen, gehören heute selbst zur "Europäischen Union". Bis zum endgültigen Verschwinden des Stacheldrahtes und des Sperrzauns vergingen noch etliche Jahre.
Wer hätte 1980 geglaubt, dass diese Brücke einmal unseren Kontinent im Namen tragen wird? Wer hätte geglaubt, dass man im Jahr 2024 einfach so über die Brücke ins Nachbarland und wieder zurück laufen kann? Wer hätte geglaubt, dass sich Deutsche und Polen völlig unbefangen auf dieser Brücke begegnen, als wäre es das normalste dieser Welt?
Ich bin mir sicher, dass sich die allermeisten DDR-Bürger im Jahr 1980, über diese Zukunftsaussichten ehrlich gefreut hätten. Weit weniger Freude hätte die Mitteilung über die scheinbar stetig wachsende Anzahl von "Kleingeistern" ausgelöst, die im Jahr 2024 das Comeback für Zäune und Stacheldraht, nicht nur an dieser Brücke sondern an der gesamten deutsch-polnischen Grenze, fordern. Was sie dazu wohl gesagt hätten? Ganz einfach: O je-die Dummheit wird wohl auch in der Zukunft nicht aussterben!