01/08/2025
Offener Brief der Diaspora aus Afghanistan in Deutschland zur Übergabe der diplomatischen Vertretungen Afghanistans an die Taliban
An die Bundesregierung der Bundesrepublik Deutschland,
An das Auswärtige Amt,
An die Mitglieder des Deutschen Bundestages,
An Menschenrechtsinstitutionen und die internationale Gemeinschaft,
Wir, Mitglieder und Vertreter:innen der Diaspora aus Afghanistan in Deutschland, äußern hiermit unsere tiefe Besorgnis und unseren entschiedenen Widerspruch gegen die gemeldete Entscheidung, die Kontrolle über die Botschaft Afghanistans in Berlin und das Generalkonsulat in Bonn an Vertreter der Taliban zu übergeben.
Diese Maßnahme stellt eine ernsthafte Bedrohung für die Sicherheit, Würde und den rechtlichen Schutz von Tausenden Geflüchteten, Asylsuchenden und zivilgesellschaftlichen Akteuren aus Afghanistan dar, die derzeit in Deutschland und Europa leben. Sie untergräbt zudem Deutschlands internationale menschenrechtliche Verpflichtungen und die moralische Verantwortung, die es seit der Evakuierung und Aufnahme gefährdeter Menschen nach dem Zusammenbruch der früheren Regierung Afghanistans im Jahr 2021 übernommen hat.
Die Taliban sind eine nicht gewählte, fundamentalistische Gruppierung, deren Herrschaft zu systematischen und massiven Menschenrechtsverletzungen geführt hat. Frauen und Mädchen wurden von Bildung, Arbeit und öffentlichem Leben ausgeschlossen; ethnische und religiöse Gemeinschaften werden verfolgt; kulturelle, politische und zivilgesellschaftliche Strukturen wurden zerstört. Die kürzlich ausgestellten Haftbefehle des Internationalen Strafgerichtshofs gegen führende Taliban-Vertreter wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord belegen den Ernst dieser Verbrechen.
Die Übergabe diplomatischer und konsularischer Vertretungen Afghanistans in Deutschland an Taliban-Vertreter birgt die Gefahr, dass diese Zugang zu sensiblen persönlichen Daten von Menschen erhalten, die vor Verfolgung geflüchtet sind und weiterhin bedroht werden. Viele Schutzsuchende sind auf diplomatische Dienste zur Identitätsprüfung und Verwaltung angewiesen. Eine Übernahme durch die Taliban könnte sie und ihre Familien – sowohl in Deutschland als auch in Afghanistan, Pakistan, Iran, der Türkei und Indonesien – Überwachung, Einschüchterung und Repressalien aussetzen.
Diese Sorge ist nicht hypothetisch. Das Vereinigte Königreich hat 2022 einen schwerwiegenden Datenverstoß eingeräumt, bei dem persönliche Daten von fast 19.000 Menschen aus Afghanistan kompromittiert wurden – mit gravierenden Sicherheitsrisiken. Ein ähnlicher Vorfall in Deutschland hätte ebenso fatale Konsequenzen.
Wir, die Diaspora aus Afghanistan in Deutschland, verfügen über dokumentierte Archive mit mehr als 1.000 verifizierten Video- und Bildbeweisen zu Verbrechen der Taliban in verschiedenen Regionen Afghanistans. Diese Materialien sind aus Sicherheitsgründen nicht öffentlich, stehen jedoch juristischen und internationalen Institutionen zur Verfügung.
Wir fordern daher die Bundesregierung nachdrücklich auf:
Jede Übergabe der diplomatischen oder konsularischen Vertretungen Afghanistans in Deutschland an Taliban-Vertreter sofort auszusetzen;
Den Schutz und die Vertraulichkeit aller Daten von Personen aus Afghanistan, die in Deutschland Schutz suchen oder erhalten haben, zu gewährleisten;
Die Diaspora aus Afghanistan, zivilgesellschaftliche Organisationen und Menschenrechtsexpert:innen ernsthaft in künftige Entscheidungen einzubeziehen.
Deutschland hat eine führende Rolle bei der Aufnahme schutzbedürftiger Menschen übernommen. Die offizielle Anerkennung einer Gruppe, die für schwerste Menschenrechtsverletzungen verantwortlich ist, widerspricht diesem humanitären Auftrag und gefährdet jene, denen Schutz versprochen wurde.
Wir, die Diaspora aus Afghanistan in Deutschland, lehnen diesen Schritt mit aller Deutlichkeit ab. Sollte er dennoch vollzogen werden, werden wir die Bundesregierung für jede daraus entstehende Gefährdung, Verfolgung oder Rechtsverletzung verantwortlich machen.
In Solidarität und mit Respekt,
Hazara Kultur- und Sportverein e.V. Hamburg
Im Namen der Diaspora aus Afghanistan in Deutschland
28. Juli 2025