22/05/2022
V. Kitzinger Europaseminar
Stärke. Wiederaufbau. Beteiligung. Emmanuel Macrons wahltaktischer Ansatz würde sich auch als Programm für Europa eignen, waren sich die unterfränkischen Mitglieder der Paneuropa-Jugend Bayern einig. Am Rande des Marktes begann das 5. Kitzinger Europaseminar mit einem Austausch, in dem Dr. Philipp Siegert (HSS Paris) erläuterte, dass vor allem politisch-kulturelle Unterschiede oft erschweren. „Wenn von Rüstungsindustrie gesprochen wird, hören Franzosen Rüstung und Deutsche Industrie“, so Siegert.
Durch Frankreichs globale Präsenz sei am Quai d’Orsay viel ausgeprägter als in Deutschland, das sich außenpolitisch oftmals an wirtschaftlichen Interessen orientiere. „EU ohne strategisch-machtpolitische Grundlegung klappt aber nicht, da andere geopolitischen Akteure internationale Politik als Nullsummenspiel begreifen“, so PEJ-Landesvorsitzender Frederik Ströhlein (Ansbach/Albertshofen)
Neben Zukunftsprojekten – etwa bei Batterien, Wasserstoff und Datenwirtschaft – sei es daher wichtig, zeitnah zu klären, „was will Europa sein? Daraus ergeben sich strategische Ziele, deren Bestimmung mit den Whitebook-Szenarien seit Jahren vermieden wird“, so PEJ-Regionalbeauftragter Daniel Nagl Kitzingen) in der Podiumsdiskussion mit Dr. Siegert, dem langjährigen Europaabgeordneten Bernd Posselt und dem Bezirksvorsitzenden der JU Schwaben Manuel Knoll im Roxy Kitzingen.
Zwischen der Wiederwahl Macrons – bei 42% für Rechtspopulistin Marie Le Pen – und den Parlamentswahlen in Frankreich Mitte Juni befasste sich das Podium mit französischer Innenpolitik und Möglichkeiten die Zusammenarbeit im „Couple franco-allemand“ zu verbessern. Da Parteien im deutschen Verständnis in Frankreich nicht existieren, sondern Bewegungen um charismatische Führungspersönlichkeiten, sei die Gefahr einer Beeinflussung durch ausländische Propaganda und die Sammlung politisch Unzufriedener am linken und rechten Rand größerer, waren sich Posselt und Knoll einig. „Putin finanziert in Frankreich daher Kommunisten wie Faschisten. Hauptsache gegen Europa“, betonte Posselt.
Da die deutliche Mehrheit der Franzosen aber – bei aller Kritik an der EU – proeuropäisch eingestellt sei, biete eine „Bewegungs-Parteienlandschaft“ auch Chancen. „Ich war 2019 auf dem Kongress der Jungen Republikaner. In Deutschland wurden die neben En Marche für politisch tot erklärt. Und dann sind da 10.000 junge Menschen, die über Politik diskutieren und sich auch dafür interessieren, wie „das Ausland“ über viele Themen und Frankreich denkt“, so Knoll.
Diesen Austausch gelte es neben Jugendwerken, Städtepartnerschaften und Schüleraustauschen zu intensiveren. Ein Mittel, berichtete Posselt aus seiner Jugend, sei Interrail. Durch hohe Kosten sei dies für junge Menschen heute wenig attraktiv, so Katja Schuppert (Schweinfurt).
Da auch von den verlosten, kostenlosen Tickets für 18-Jährige, die der Paneuropäer Manfred Weber initiierte, nur wenige profitieren, regte Nagl an, den Gedanken des 9-Euro-Tickets europäisch zu verlängern: „Energiekosten steigen ja nicht nur bei uns. Mit einem bezuschussten Interrail für alle könnte man zur Arbeit pendeln und bezahlbar Europa erleben und verstehen. Etwas, das angesichts der Rückkehr des Krieges nach Europa wichtiger ist denn je.“ Die PEJ’ler wollen mit dem Vorschlag auf verschiedene Parteien zutreten und ihn im Herbst auf dem Parteitag der CSU einbringen.
Neben der gemeinsam mit dem CSU Ortsverband Kitzingen organisierten Vorführung des in Deutschland („zu pazifistisch“) und Frankreich („zu deutschenfreundlich“) lange verbotenen Anti-Kriegsfilm „Die große Illusion“, bei der 200 Euro an Spenden für das ukrainische THW gesammelt werden konnten, rundete eine simulierte Debatte am Kitzinger Stadtschoppen das Seminar ab.
Geleitet von Michael Holl (Randersacker) diskutierten zwei Teams Möglichkeit und Sinn einer Art „Schüleraustausch“ auf Staatssekretärsebene zwischen Deutschland und Frankreich als Impuls für die verbesserte Zusammenarbeit.
Fotos: Daniel Koppe