01/03/2012
vhs ART Lichtenwald präsentierte
„Anmut und Würde“
mit Gunilde Cramer, Mariette Leners, Christoph Bieber
Das Abschlusskonzert des Lichtenwalder Kulturwinters geriet mit dem „Trio sur scène“ zu einem unvergleichlichen Erlebnis. Für Mike Schattschneider, dem neuen Leiter von vhs ART Lichtenwald, war es die Plattform Kunst pur in Lichtenwald einzusaugen und Kontakte zu knüpfen. In seiner Begrüßung vertiefte er die aus Schillers ästhetischen Schriften stammenden Begriffe „Anmut“ = Freiheit der unwillkürlichen Bewegungen, „Würde“ = Beherrschung der willkürlichen Bewegungen, bündelte beides in das Verhältnis zwischen Strenge bzw. Disziplin und Freiheit und leitete über zu den drei beispielhaften Werken des Abends.
Noch bevor das Trio mit Gunilde Cramer, Klavier, Mariette Leners, Violine, Christoph Bieber, Cello, den ersten Ton setzten, führte G. Cramer ins Programm ein, beleuchtete dabei den künstlerischen Werdegang der Komponisten bzw. deren persönliche Situation und den politi-schen Rahmen. Ludwig v. Beethoven war ein Schüler von Joseph Haydn; beide begegneten sich erstmals 1791 in Bonn. Der kaisertreue Haydn wurde vor allem in England als der größte Komponist des Abendlandes gefeiert und der als jakobinisch geltende junge Beethoven mach-te wegen seines phänomenalen Klavierspiels und seiner kühnen Improvisationen von sich reden. Politisch jedoch trennten sie Abgründe.
Das Klaviertrio B-Dur op. 11 von Beethoven, auch als „Gassenhauertrio“ bekannt, verschaffte sich mit kraftvollem scharf akzentuiertem 'Allegro con brio' fast provozierend Gehör. Dem frisch-munteren Klavierspiel hielten beide Streicher burschikos entgegen und so gestaltete sich der erste Satz opernhaft dramatisch und entwickelte einfallsreiche Szenarien. Das 'Adagio' mit seinem durch das Cello zeichnenden melancholischen Ansatz, fortgeführt durch die bittersüß agierende Violine, fand letztlich im aufrührerischen grollenden Klavierpart Genugtuung. Das 'Allegretto' huldigte neckischen Klavierläufen, neutralisierend von den Streichern beäugt, um dann gleichfalls im Sog des Wirbels mitzumischen. Sehr einfallsreich gestaltet.
Von Haydn spielten sie, nach G. Cramer sein schönstes Klaviertrio E-Dur op. 44. Es entstand 1797. Da die Wiener Tanzmusik des 19. Jh. bis in die Wiener Klassik hineinreicht und weder von Haydn noch von Beethoven verschmäht wurde, finden sich davon Elemente in deren Kompositionen wieder. Die Sätze 'Allegro moderato', 'Allegretto' und 'Allegro', fast atemlos jagend. Im ersten Satz zupfende Passagen, ausholende homogene Entfaltung des Themas. Wunderschön auch im zweiten Satz das linkshändig begleitende Ostinato zur rechten Spiel-hand, ganz der Choreografie eines geheimnisvollen Tanzes folgend, um zusammen mit den Streichern prachtvolle Schönheit zu entwickeln. Auch der dritte Satz ein gefühlsbetonter Dia-log mit reizvollen klanglichen Wirkungen.
Robert Schumanns Vita berührt zutiefst. G. Cramer, auch hier behutsam agierend, ging auf Leben und Wirken des Komponisten ein, der an Depressionen bis zum völligen Verfolgungs-wahn litt. Seine Ehe mit Clara musste gegen den Willen ihres Vaters vor Gericht erkämpft werden. Künstlerische Rückschläge und Misserfolge lähmten ihn und die Erfolge seiner Frau als gefeierte Pianistin, die damit aber die Familie über Wasser hielt, waren für ihn quälend. Struktur und Halt gaben ihm die Beschäftigung mit Bachs „Wohltemperierten Klavier“ und seine kontrapunktischen Studien. Das Klaviertrio F-Dur op. 80 belegt seine kompositorische Meisterschaft, wie G. Cramer weiter darlegte. Der erste Satz mit markantem Beginn, den trip-pelnden Schritten des Cellos, beinahe verklärend, alles fantastisch thematisiert, mit kraftvoller Schlusssteigerung. Das Thema des zweiten Satzes, überschrieben 'Mit innigem Ausdruck', wurde durch die Geige einfühlsam zart und vom Cello passend verhalten-schwärmerisch ze-lebriert, dazu gepflegter konzertanter Klavierstil mit zeitweilig dramatischer Auffächerung. Der dritte Satz wartete verinnerlicht, aber mit großer Strahlkraft auf. Der Schlusssatz entwarf Züge eskalierender Gefühlsschwankungen. Ein wahrer Energierausch.
Die Künstler wurden mit stehenden Ovationen gefeiert für die innig berührende Gestaltung dieser höchst anspruchsvollen konzertanten Werke.
Die frühere Leiterin von vhsARTlichtenwald, Lotte Hermann, der dieses Konzert gewidmet war, dankte G. Cramer für ihr vielfältiges künstlerisches Wirken in Lichtenwald. Sie erwähnte die vielen Sternstunden, die sie auf höchstem Niveau beschert habe und immer zu einem gro-ßen Erlebnis werden ließen. Und dieses Konzert würde mit Anmut, gleichermaßen Ausdruck einer schönen Seele und Würde, mit ihrem Namen verbunden bleiben. Die von der Laudatio überraschte Künstlerin dankte u.a. auch dem Publikum für das „schöpferische Schweigen“, das immer für die Musiker wertvoll und spürbar gewesen sei.
Es war das letzte große Konzert von Gunilde Cramer.
Auch ich verabschiede mich mit den besten Wünschen für Sie alle
Gisela Reuß