Sühnekreuz Lindstedt

Sühnekreuz Lindstedt Das wohl mittelalterliche Sühnekreuz von Lindstedt - eingelassen in die Friedhofsmauer - um das sich gleich zwei Sagen ranken.

09/08/2017

Das Sühnekreuz von Lindstedt und Mittelalterliche Rechtsprechung
[von Ulf Frommhagen]

Selbst innerhalb adliger Familien konnten im Mittelalter Streitigkeiten bis aufs Messer ausgefochten werden. Davon soll jedenfalls ein steinernes Sühnekreuz, das sich heute als Denkmal mittelalterlicher Rechtsprechung fest eingelassen in der Lindstedter Friedhofsmauer befindet, zeugen. (siehe Bild) Es stand bis 1912 auf einem nicht mehr vorhandenen Sockel unter der Ulme am Gruftgewölbe der Familien von Lindstedt und von Rinow. Nach dem Abriss der barocken Gruft, die an der Nordwestseite der Kirche angebaut war, ließ der „Rittergutsbesitzer“ Schröder das Sühnekreuz ohne Sockel an dem heute noch erhaltenen Teich im Gutsgarten westlich des Gutshauses aufstellen. Der ursprüngliche Aufstellungsort befand sich jedoch an der Wegkreuzung 200 m nördlich des Gutshof Lindstedt.

Gleich zwei Sagen geben Auskunft darüber, dass das Sühnekreuz von einem Zweikampf zweier Ritter stammt. Im ersten Fall sollen zwei Brüder der Familie von Lindstedt beim Kirchgang wegen des Vortritts am Portal der Kirche miteinander in Streit geraten sein. Der Zweikampf hatte derart fatale Folgen, dass gleich beide Kontrahenten sich tödlich verwundeten und als gesellschaftliche Außenseiter ihre Leichname nur außerhalb des Kirchhofes bestattet werden durften. Die andere Sage berichtet über einen Zweikampf von Rittern unterschiedlicher Herkunft, bei dem sich die Kontrahenten um eine Tochter der Familie von Lindstedt stritten. Bei dieser Auseinandersetzung war allerdings nur ein Duellopfer zu beklagen.

Auslöser solcher ritterlichen Zweikämpfe war häufig die Beleidigung der Mannesehre. In diesem Fall handelte es sich vielleicht um die Verletzung der Ehre einer Person, die in Obhut des Beleidigten stand, wie zum Beispiel die Ehefrau oder die Verlobte. Die erstgenannte Variante dieser Legende ist abzulehnen, da nach dem Ehrenkodex Ritter in Waffen der Zutritt in die Kirche verwehrt war. In der zweiten Auslegung des Streites könnte der Zweikampf um ein Mädchen lediglich symbolischen Charakter tragen. Und da Sagen nur im Kern auf tatsächliche Begebenheiten Bezug nehmen, ist sogar zu vermuten, dass es in Wirklichkeit um einen Streitfall in einer Erbangelegenheit oder eine Fehde zwischen benachbarten Rittergeschlechtern gegangen ist.

Das Sühnekreuz ist in seiner Gestalt ein lateinisches Kreuz mit parallelkantigen waagerechten Armen. Ab etwa 1300 verbreiten sich solche Sühnekreuze oder Mordkreuze in ganz Europa. Sühnekreuze sind bei Totschlagdelikten nach Einigung mit den Angehörigen des Opfers über einen privatrechtlichen Sühnevertrag am Tatort oder auf Wunsch der Betroffenen an viel befahrenen Verkehrswegen und Wegkreuzungen gesetzt worden. Über Schiedsleute handelten die Angehörigen und der Täter zudem einen Schadensersatz als Wiedergutmachung aus. Da der Getötete ohne Sterbesakramente um sein Leben gebracht worden war, sollten Vorübergehende und Reisende am Kreuz angehalten werden, Fürbittgebete für den Getöteten zu leisten. In den reformierten Ländern sind ab den 1530er Jahren keine Sühnekreuze mehr errichtet worden.

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