09/10/2019
Deutschland im Herbst.
Während Yom Kippur, dem höchsten Feiertag im Judentum, versuchte heute eine noch unbekannte Anzahl an Tätern die Tür der vollbesetzten Synagoge in Halle aufzuschießen. Zwei Menschen werden in einen nahegelegenen Imbiss kaltblütig erschossen und eine Handgranate wird versucht auf einen jüdischen Friedhof zu werfen. Wären die Türen der Synagoge nicht stabil genug gewesen, würden wir sicherlich mehr Tote beziffern müssen. All dies wurde von einem Täter ausgeführt, der während des Terrorangriffs einen Stahlhelm trug. Die Symboliken, der Tathergang und die Inszenierung der Tat sind dabei nicht neu: es handelt sich um Rechtsterrorismus.
Trotzdem wird noch Stunden nach der Tat die von der Bundesanwaltschaft als "problematisch für die innere Sicherheit" bezeichneten Geschehnisse nicht als das benannt was sie sind. Nicht erst seit dem Mord an Walter Lübke sollte es sogar die bürgerliche Gesellschaft geschnallt haben, welche Gefahr durch Antisemitismus, deutscher Ideologie, Antifeminismus und der Bestärkung durch den Rechtsruck besteht. Aus dem NSU-Komplex musste die Linke sich schmerzlich eingestehen, dass sie selbst blind war für Rechtsterrorismus, weil es sie nicht selbst betraf. Heute, wo CDU-Politiker ermordet werden, zeigt sich, dass die bürgerliche Gesellschaft Rechtsterrorismus immer noch nicht benennen kann, selbst wenn er vor der eigenen Tür stattfindet.
Der zu beobachtende Reflex, die Verantwortung dafür nach Ostdeutschland zu schieben ist fatal. Auch in Duisburg findet man seit Jahren Spuren ins rechtsterroristische Milieu. Köpfe von Combat 18, deren ganze Essenz im Terrorismus liegt, marschierten am 1. Mai 2019 durch Wahnheimerort. Laut einer Anfrage im NRW-Landtag wird auch eine Person aus Duisburg Combat 18 zugeordnet. Es ist dabei aber davon auszugehen, dass sich sicherlich mehr Personen Combat 18 zugehörig fühlen. Mit der Gruppe "Legion 47" gab es eine weitere Zelle in Duisburg, die an Selbstschussanlagen schraubte und Anschläge auf Geflüchtetenunterkünfte verübte. Sie wurde nur gefasst, weil sie sich in anderen kriminellen Handlungen dumm anstellten. Dass sie bei Einbrüchen ihre eigenen Gruppen-T-Shirt trugen zeigt, wie wenig sie an Repression befürchteten. Ebenso zeigt sich dies daran, dass nur ein Bruchteil der Beteiligten sich für die Taten verantworten mussten und die führenden Köpfe der Gruppe milde Strafe durch eine strategische Entpolitisierung ihrer Taten bekamen. Zu glauben, dies wäre ein neues Phänomen und nur mit dem erstarkendem Rechtsruck verbunden, ist falsch. Diese Gruppen gibt es schon lange, es hat sich nur niemand dafür interessiert, wie ihr mörderischer Antisemitismus und Rassismus sich in ihren Taten spiegelt.
Und diese Kontinuitäten gibt es bereits schon seit den 1970er Jahren. Am 24.Januar 1970 wurden in Duisburg Mitglieder der "Europäischen Befreiungsfront" festgenommen, mit mehreren Revolvern, Karabinern und Sturmgewehren bewaffnet stellten sie schwarze Listen auf gegen Angehörige der Bundesregierung aber auch Migrant*innen und Linke. Ähnlich wie bei der "Legion 47" waren alles Mitglieder der NPD Duisburg. Zu erwähnen ist in dieser Auflistung auch der nicht aufgeklärte mörderische Brandanschlag in Duisburg-Wanheimerort am 26.08.1984, bei dem sieben Familienmitglieder ums Leben kamen und das Tatmotiv Rassismus in den folgenden Ermittlungen keine Beachtung fand. Als es im Jahr 2003 zu einen Attentat auf einen migrantischen Kneipenbesitzer in Meiderich kam, sah die Polizei als mögliches Tatmotiv nur, dass es sich um Streitereien zwischen Migranten gehandelt haben könne. Dabei wurde der Angriff mit einer Selbstschussanlage durchgeführt, ähnlich jener, die im Zusammenhang mit dem NSU-Komplex gefunden wurde. Bis heute ist nicht geklärt, was passierte und der betroffene Gastwirt überlebte nur durch Zufall. Die tödliche Gefahr des Rechtsterrorismus wird seit Jahren konsequent ignoriert und billigend in Kauf genommen.
In Trauer und Wut fordern wir, Rechtsterrorismus und seine Agitatoren zu bekämpfen.
Gegen jeden Antisemitismus und Rassismus und die Feinde der Freiheit.
In Halle und überall. Billigt nicht den Terror. Solidarität mit den Betroffenen!