05/09/2026
🍎 Kennst Du das Wort? Appeltaat?
Mer kalle Platt: In unserer Mundart-Serie stellen wir Euch fast vergessene Wörter und Redewendungen aus dem Rhein-Kreis Neuss vor. Wir übersetzen, erklären und erzählen ihre Geschichten.
Denn Mundart ist mehr als „Verzäll“ – sie ist ein Stück unserer Kultur und erzählt vom Leben und den Menschen im Rhein-Kreis Neuss.
🥧 „Appel“ heißt natürlich Apfel. „Taat“ bezeichnet im Rheinischen einen „Tart“ beziehungsweise Blechkuchen. Das Wort geht auf das französische „tarte“ zurück.
Die rheinische Appeltaat besteht traditionell aus Hefeteig und einer dicken Füllung aus Apfelkompott. Typisch sind die Riemchen: Schmale Teigstreifen werden einzeln über Kreuz gelegt und bilden das Gitter auf dem Kuchen.
Alternativ kann eine Teigplatte mit einem Gitterroller eingeschnitten, vorsichtig auseinandergezogen und als gleichmäßiges Rautengitter aufgelegt werden.
⛪ In Neuss ist die Appeltaat allerdings viel mehr als nur ein Kuchen. Ihre Geschichte ist eng mit der Corneliuskapelle in Neuss-Selikum verbunden, die seit Jahrhunderten ein Wallfahrtsort ist.
Schon 1607 ist eine Prozession nach Selikum schriftlich belegt. Selbst damals wurde sie bereits als Wiederaufnahme einer älteren Tradition beschrieben.
Weil die Wallfahrtszeit in die Apfelernte fiel, boten Händler den Pilgernden kleine Apfeltörtchen an. Mindestens seit 1852 wurden während der Selikumer Wallfahrtszeit Appeltaaten verkauft.
📜 1881 wurde die Geschichte ausführlich im „Niederrheinischen Geschichtsfreund“ beschrieben. Weil die Apfeltörtchen so zahlreich gekauft und gegessen wurden, habe das Fest „im Munde des Volkes“ den Namen „Selikumer Appeltartenfest“ erhalten. Manche Pilger nahmen die Törtchen sogar als Wallfahrtsgeschenk für ihre Familien mit nach Hause.
Wichtig: 1881 ist nicht zwingend das Gründungsjahr des Festes. In diesem Jahr wurde lediglich schriftlich festgehalten, dass die Bezeichnung im Volksmund bereits gebräuchlich war.
🎉 Wenn Ihr diesen Beitrag gleich am Veröffentlichungswochenende lest, könnt Ihr die Geschichte direkt vor Ort erleben: Am 5. und 6. September 2026 wird auf dem Kinderbauernhof Neuss das traditionelle Appeltaatefest gefeiert.
📅 Samstag, 5. September, ab 11 Uhr
Anschnitt der Appeltaat durch den neuen Neusser Schützenkönig; ab 14 Uhr Kinderfest.
📅 Sonntag, 6. September, ab 11 Uhr
Frühschoppen, Hobby- und Künstlermarkt sowie Trödelmarkt für Kinder.
📍 Kinderbauernhof Neuss, Nixhütter Weg 141, Neuss - Selikum
👑 Seit mindestens 20 Jahren ist diese Tradition belegt: Der neue Neusser Schützenkönig schneidet beim Appeltaatefest die große Ehren-Appeltaat an – noch bevor er am selben Abend in der Stadthalle gekrönt wird.
Beim gemeinsamen Anschnitt stehen ihm regelmäßig auch Bürgermeister, Landrat und weitere Gäste aus Stadt, Schützenwesen und Brauchtum zur Seite. So verbindet das Appeltaatefest die jahrhundertealte Selikumer Wallfahrt mit dem Neusser Schützenbrauchtum.
🍏 Dass ausgerechnet hier ein Fest für die Appeltaat entstand, passt erstaunlich gut zur Region. Das heutige Kreisgebiet war ein bedeutendes Zentrum des Obstbaus und der Obstzüchtung:
🍎 Schloss Dyck
1789 entstand dort eine Obstbaumschule. Ab 1900 entwickelte sich Schloss Dyck mit rund 31 Hektar Anbaufläche zum damals größten Obsterzeuger am Niederrhein. Heute baut die Familie Kallen rund um Schloss Dyck und Glehn auf etwa 20 Hektar Äpfel an.
🍎 Ramrath
Vikar Johann Wilhelm Schumacher kultivierte Mitte des 19. Jahrhunderts mehr als 600 Apfelsorten und züchtete zwölf neue Sorten.
🍎 Elsen
Oberpfarrer Conrad Henzen betrieb eine Baumschule mit rund 1.500 Bäumen. Allein 1878 stellte er 16 neue Äpfel vor.
🍎 Grevenbroich
Diedrich Uhlhorn baute rund 180 Apfelsorten an. Von ihm stammen unter anderem die „Von Zuccalmaglio Renette“ und die „Goldrenette Freiherr von Berlepsch“.
🍎 Knechtsteden
Heute bewahrt der Obstsortengarten am Kloster Knechtsteden über 300 Obstbäume und mehr als 120 alte und für das Rheinland typische Obstsorten.
💬 Kanntet Ihr die Appeltaat und ihre Geschichte bereits? Und wie muss eine richtige Appeltaat für Euch aussehen: mit klassischen Riemchen oder Rautengitter, mit Hagelzucker oder lieber mit Schlagsahne?
📚 Lust auf mehr Mundart?
Kennt Ihr schon das Internationale Mundartarchiv „Ludwig Soumagne“ in Dormagen-Zons?
Dort werden Dialekte als Teil unserer regionalen Kultur gesammelt, bewahrt, erforscht und vermittelt. Die Dauerausstellung kann kostenlos besucht werden. Außerdem erwarten Euch eine umfangreiche Bibliothek, Hörstationen, spannende Exponate und viele weitere Einblicke in die Sprachgeschichte unserer Region.
Mehr Infos: rhein-kreis-neuss.de/mundartarchiv
⬇️ Was ist Dein Lieblingswort auf Platt? Welche Wörter oder Redewendungen sollen wir hier unbedingt einmal erklären? Schreibt Eure Vorschläge und Geschichten gerne in die Kommentare!
Leeve Jröß
Üre Jeck us em Büro för dijitale Verzäll.
🍎 P.S.: Im wartet unser Rezept für eine Appeltaat möt Remkes – zusammengestellt aus mehreren rheinischen Varianten und von einer Neusser Konditorin geprüft. Die klassischen Riemchen gelten übrigens als echte Königsdisziplin!
Quellen:
LVR: Wörterbuch rheinischer Alltagssprache, „Taat“
SWR: „Apfelriemchen – Rheinischer Apfelkuchen“
J. Cremer: „Das Aepfeltörtchenfest zu Selikum in der Pfarre Neuss“, Niederrheinischer Geschichtsfreund, 1881
Stadt Neuss: „Reuschenberg und Selikum – Die Stadtteile“
Marc Hillen: „Königsweg – Appeltaatefest“
Biologische Station im Rhein-Kreis Neuss: „Von Fürsten, Pfarrern und Fabrikanten“ sowie „Obstsortengarten Kloster Knechtsteden“
Niederrhein Tourismus: „Obstverkauf Schloss Dyck“
🤖🪄 KI-Hinweis: Die dargestellten historischen Szenen wurden mithilfe von KI erzeugt. Sie sind keine echten Fotos und zeigen keine realen Personen. KI kam außerdem als Recherche- und Formulierungshilfe zum Einsatz.