16/03/2026
Edit: Man muss der Jungen Union Nordhorn fast dankbar sein. Politisches Lehrmaterial in Reinform. Ein Beispiel dafür, wie moralische Empörung klingt, wenn sie ausgerechnet aus der politischen Ecke kommt, deren eigene Geschichte der letzten Jahre eher an einen parlamentarischen Lobbykrimi erinnert als an ein Ethikseminar.
Da entdeckt also ausgerechnet die Nachwuchsorganisation der CDU plötzlich ihre große historische Verantwortung. Antisemitismus bekämpfen. Demokratischen Konsens verteidigen. Extremismus bekämpfen. Große Worte. Richtige Themen. Keine Frage.
Nur wirkt das Ganze ein wenig grotesk, wenn diese Predigt aus einer politischen Familie kommt, deren jüngere Vita politisch eher von Maskendeals, Lobbyaffären,
AfD Zusammenarbeit, Parteispendenskandalen und erstaunlich vielen Erinnerungslücken geprägt ist, sobald es um Geldflüsse und Einfluss geht.
Das hat ungefähr die Glaubwürdigkeit eines Anti-Korruptionsseminars, das von Viktor Orban moderiert wird.
Und während man sich dort gerade moralisch auf den Balkon stellt und nach unten ruft, wer noch zum demokratischen Konsens gehört und wer nicht, lohnt sich ein kurzer Blick auf die eigene politische Gesamtbilanz.
Maskenprovisionen während einer Pandemie.
Lobbykontakte in autoritäre Staaten.
Parteispendenskandale, die ganze Untersuchungsausschüsse beschäftigt haben.
Und eine strategische Debattenverschiebung nach rechts, sobald man glaubt, damit ein paar AfD-Wähler zurückholen zu können.
Das alles verschwindet offenbar erstaunlich schnell aus dem Gedächtnis, sobald man die Gelegenheit bekommt, moralisch auf andere zu zeigen.
Und jetzt zu diesem dramatischen Aufreger der JU.
Die Linke kritisiert Israels Regierungspolitik hart. Sehr hart. Teilweise polemisch formuliert. Darüber kann man streiten. Darüber muss man streiten.
Nur verkauft die JU das so, als hätte irgendein Parteitag beschlossen, das Existenzrecht Israels abzuschaffen. Das steht dort schlicht nicht!
Israel existiert. Israel bleibt ein souveräner Staat. Israel hat ein Existenzrecht!
Gleichzeitig gilt eine andere Wahrheit ebenfalls.
Die Regierung Netanjahu steht international massiv in der Kritik.
Der Internationale Strafgerichtshof hat Haftbefehle beantragt.
Menschenrechtsorganisationen sprechen von schweren Kriegsverbrechen.
Selbst innerhalb Israels demonstrieren hunderttausende Menschen gegen diese Regierung.
Das alles ist kein antisemitisches Narrativ. Das ist Realität internationaler Politik.
Kritik an einer Regierung ist keine Delegitimierung eines Staates.
Sonst müsste die Junge Union auch jedes Mal Antiamerikanismus rufen, wenn jemand Donald Trump kritisiert.
Was hier passiert, ist politisch ziemlich durchschaubar.
Man nimmt die schärfsten Formulierungen eines Beschlusses, blendet jede Einordnung aus und erklärt daraus eine moralische Staatskrise. Politisches Framing mit maximaler Lautstärke.
Das funktioniert hervorragend im Facebook-Empörungsmodus. Mit ernsthafter politischer Analyse hat es wenig zu tun.
Die Ironie an der ganzen Nummer ist fast schon poetisch.
Eine Jugendorganisation, die wirtschaftspolitisch zuverlässig jede Vermögenskonzentration in diesem Land verteidigt, entdeckt plötzlich ihre Leidenschaft für moralische Reinheitsprüfungen.
Während gleichzeitig Millionen Menschen in diesem Land mit steigenden Mieten, stagnierenden Löhnen und einer Rente kämpfen, die in Zukunft für viele kaum noch zum Leben reicht.
Politische Prioritäten sind manchmal wirklich faszinierend verteilt.
Vielleicht wäre der erste Schritt zur politischen Glaubwürdigkeit ganz simpel.
Einmal vor der eigenen Haustür kehren.
Da liegt noch genug Material für mehrere Grundsatzdebatten.
Und wenn wir schon bei Grundsatzdebatten sind, können wir auch gleich über das eigentliche Thema reden.
Tax the rich.