21/07/2025
Ich bin dann mal weg….sagte sich der Oschatzer
Christian Sigismund Dippold - ein Oschatzer in Südamerika
„Anno 1746, dem 2. Januar abends 3/4 auf 9 Uhr ist Johann Christian Sigismund Tippold, Medicinae Doctori Practico in Oschatz mit seiner Eheliebsten Frau Marie Sophie geborenerer Fregin auf hiesigem Pfarrhause eingesundes Söhnlein geboren, welcher auch schon die heilige Taufe erhalten und Christian Sigismund ist benannt worden, die Paten waren:
1. Herr Johann Gottfried Andreas Diaconus in Oschatz
2. Frau Christina, sei Herrn Johann Christoph Böhme, gewesenen Gastwirts in Oschatz hinterlassene Witwe
3. ich, Magister Christian Frege d.j.Pastor allhier und des KIndes Großvater…
Gott sei gelobet ….“ schrieb der 64jährige Lampertswalder Pfarrer voller Stolz ins Kirchenbuch. Der 27jährige Vater des Sprösslings war 1719 als Sohn des Johann Siegmund Dippoldt in Döbeln geboren worden und wurde Doctor der Arzneigelahrtheit und später Stadtphysikus zu Oschatz
Schon im Frühjahr 1747 erwarb die seit November 1744 in Lampertswalde vermählte junge Mutter das Haus in der Oschatzer der Hospitalgasse (24) von den Erben des verstorbenen „Chirurgo“ Christian Zimmerreich.
Kurz vor dem dritten Hochzeitstag der Dippolds wurde dort Regina Eleonore Sophia geboren und getauft und im März 1751 kam der zweite Sohn Gottfried Ehregott auf die Welt. Doctor Christian Sigismund Dippolt, inzwischen Ratsperson, kaufte das Haus in der Hospitalgasse im Oktober 1751 von seiner Gattin.
Anfang Dezember 1754 wurde wieder eine Tochter und im Oktober 1756, kurz nachdem der beginnende Krieg Anfang September schon die Stadt durchzogen hatte, ein weiterer Sohn namens Hans Gottlieb geboren. Als der 12jährige Gottfried Ehregott Dippold als „Erstklässler“ anlässlich des Friedensschlusses zu Hubertusburg nach sieben Jahren Krieg eine „auf die Friedensfeier gerichtete Rede“ auf dem Ratssaal halten durfte, war die jüngste Schwester Henriette Friederike gerade ein Jahr alt und der ältere Bruder Christian Sigismund längst weit entfernt der zerschlissenen Heimat. Die Briefe, die er aus der Ferne an einen Freund schrieb, haben sich erhalten und sollten zwei Jahrzehnte später in einem Buch erscheinen, welches heute zum Bestand der Augsburger Universitätsbibliothek gehört.
In ersten Brief aus Hamburg charakterisierte Dippold seinen Vater in Oschatz: „Er war arm, gelehrt, und ein rechtschaffender Mann, Umstände, die auf diesem Erdenrunde fast allemal in genauer Verbindung stehen. Er war zu stolz, seine reichen Anverwandten, um etwas anzusprechen und diese dachten nie daran, das Elend eines Mannes zu vermindern, der weiter keine Verdienste als Gelehrsamkeit und Rechtschaffenheit besaß.“
Mit den „reichen Anverwandten“ könnte die Familie des Onkels mütterlicherseits gemeint sein. Christian Gottlob Frege (1715-1781) war ein angesehener reicher Bankier und kursächsischer Kammerrat in Leipzig. Dessen Reichtum und Einfluss sollten später mit dem der Augsburger Fugger verglichen werden.
Christian Sigismund beschrieb in den Briefen an den Freund, dass er in seiner Schulzeit „alle nur möglichen Robinsons und Reisebeschreibungen“ gelesen hätte und von einer Plantage in Ostindien träumte. Er hätte diese „so schädlichen Bücher“, die ein alter liederlicher Barbier ihm „heimlich verschaffte“ gelesen. Als er hernach die Leipziger Thomas-Schule bei Conrector Fischer besuchte, empfand er rückblickend: „Alle Bücher ekelten mich an, und meine alte Neigung zu Robinsonaden kehrte stärker als jemals in meine Seele zurück. Ich fasste also den Entschluss, in die Welt zu gehen“.
Über Wittenberg, Anhalt, Zerbst nach Magdeburg entfernte sich der noch nicht einmal 16jährige von seinem „Vaterlande“.
Bei einem „Croaten-Officier“ verdingte er sich in Magdeburg als „Pursche“. Seine „Kenntnisse im Lateinischen, Französischen und in anderen Wissenschaften“ halfen ihm, jedoch zog es seinen Herrn nach Ungarn und deshalb trieb es Christian Sigismund mit seiner „Neigung, zur See zu gehen“, über Ruppin und Rheinsberg innerhalb von sechs Tagen nach Berlin, fand Arbeit in einem Wirtshaus an der Potsdamer Straße, bediente auch „einige Schiffer, die nach Hamburg flößten“ und ließ sich bereden, von da über Magdeburg mit „einem Floße nach Hamburg“ zu reisen. Es dünkte ihm, „schon selbst auf der See zu sein“, schrieb der „unglückliche Freund“ im vierten Brief, als er die Schiffe im Hafen liegen sah, welche die Sinne zwar befriedigten, aber nicht den Magen, denn der „Geldvorrat war ziemlich geschmolzen“.
Die Mühseligkeiten, die sich Christian Sigismund durch seine „Entweichung selbst zugezogen“ hatte, ließen nicht nach. Er meldete sich auf einigen Schiffen, ward jedoch nicht gebraucht, zumal er „nicht plattdeutsch oder holländisch sprach“. Er ging nach Altona und Blankenese, schlief unter „freiem Himmel“, nahm die Fähre nach Buxtehude. In Stade verweigerte man ihm „an allen Toren den Eingang“ weil er keinen Pass hatte. Ein Schiffer nahm ihn mit nach Glückstadt und beschenkte ihn „mit einem ganzen Hemde“. Bei einem Schmied im zwei Meilen von Hamburg entfernten Allermöh, mit einem „Körper äußerst elend und schwach“ und der „Seele in Zerrüttung“, fand er in zerrissener Kleidung Arbeit und „Lagerstelle“ für ein Jahr.
Am 20. August 1762, als Christian Sigismund mit dem Schmied einmal in Hamburg war um Eisen einzukaufen, lernte er den „Captain d´Armes der Garnison, Namens Lupin“ kennen, der ihm eine „Condition“ verschaffen wolle, wenn er „Schreiben, Rechnen und Latein könne“.
Im vierten Brief aus Hamburg kündigte er den Entschluss an, dass „binnen kurzer Zeit“ aus „einer andern Weltgegend“ etwas von ihm zu hören sein würde und im fünften, dass er nach Amsterdam gehen wolle.
Im sechsten Brief aus Amsterdam berichtete er, Kapitän Dyrks kennengelernt zu haben, der ihm eine Schreiberstelle anbot, sowie auch, ihn nach Surinam mitzunehmen. Er logierte bei „dem Apotheker Reschemius in dem Prinzen-Stieg".
Im siebenten Brief aus Amsterdam berichtete er aber, dass ihn ein neuer Vertrag „auf ein ansehnliches hiesiges Comtoir als Diener“ noch mindestens fünf Jahre in Europa halten würde und er „diese Pille verschlungen“ hätte. Sein Prinzipal Göldner handele vorwiegend mit Leinwand, beziehe Wolle und Indigo aus Spanien, nach England würden sie „Crapp, ein seeländisches Gewächs“ senden. Seine Besoldung sei nicht groß und als Unterkunft hätte er bei einem Schuhmacher in der Nelkenquergasse eine Stube zu seiner Zufriedenheit.
Im achten Brief aus Amsterdam beschrieb er seine Hafenspaziergänge sowie die Gegend und die Feierlichkeiten zur Illumination anlässlich der „Installation des Prinzen von Orange zur Statthalterschaft“ am 8. März 1766: "Etliche Häuser waren mit mehr als 2000 Biergläsern illuminiert und an dem Turm des Rathauses, das man für eines der schönsten in Europa hält, sollen, wie man sich versichert, 420 Laternen gebrannt haben.“ Außerdem hätte er zu Ostern eine „kleine Reise nach Harlem, Leyden, Delft, Hage, Rotterdam und Gauthe getan, um alle Merkwürdigkeiten in Augenschein zu nehmen“. Er benannte die Reinlichkeit und Bräuche der Holländer, die „von öffentlichen Belustigungen, als Vögel-Scheibenschießen und dergleichen“ nichts wüssten.
Im neunten Brief vom 12. Mai 1768 beschrieb er die stolzen hochmütigen Mädchen und nannte diese „Käsegöttinnen“ und eine weitere Unerreichbarkeit, dort selbst ein Kaufmann zu werden können. Amsterdam bereite sich schon wieder auf den Besuch des „Prinz Erbstatthalter den 25ten May mit seiner Gemahlin und Gefolge“ vor. Er schrieb von „unzähligen Lampen, Leuchtern Gläsern, Verzierungen und Sinnbilder, Triumpfbögen“. Wieder beschrieb er auch das Rathaus und die Wechselgeschäfte und das Bankwesen.
Im zehnten Brief entschuldigt der Schreiber seine Nachlässigkeit, er wäre krank gewesen. „Die beständige schwere Luft, der stinkende Dampf“ aus den Kanälen, die sitzende Lebensart hätten ihm „ein Fieber zugezogen“. Christian Sigismund hielt wenig von der Ärzteschaft, lobte aber den Apotheker und dessen „stärksten Rautenwein“, womit er das Fieber vertrieb.
Im elften Brief waren es der Aufstieg und die besseren Vermögensumstände und die Möglichkeit, dass er „ein kleines Commercium mit englischen Uhren, Goldschlägerformen, genähten Röcken, gestrickten Beinkleidern und dergleichen“ betreiben könne.
1771 schrieb er den zwölften Brief aus Amsterdam, lobte das Meißner Porzellan vor dem Berliner, welches schlechter „zu verdebitieren“ sei und dass er viel Arbeit hätte, weil er sich der Verlassenschaft „eines westindischen Capitains, so in Surinam verstorben“ angenommen hätte. Hinterlassen hätte dieser auch „eine Tochter von 17 und einen Sohn von 8 Jahren“. Mit der Sorge „die Pocken sind jetzt hier sehr herrschend“ schloss der die Korrespondenz.
Der dreizehnte Brief berichtet vom an den Pocken verstorbenen Patron und endet mit „Mein Schicksal steht bei Gott“.
Im vierzehnten Brief glaubte er es selbst noch nicht, dass die Patronesse ihn zum „Factor oder Direkteur der ganzen Handlung ernennet“ hatte und kündigte an, dass er umgezogen sei, ein Zimmerchen mit einem „Clavi-Cordio“ in der Nähe bewohne.
Im fünfzehnten Brief rühmte er das Schlittschuhlaufen auf den Kanälen und kündigte in einer Beilage eine Beschreibung von Amsterdam an, welche mindestens 25 Seiten umfasste.
Der sechzehnte Brief verhieß die komplizierte Erbschaftsangelegenheiten und Sorge um die Zukunft , aber auch die Heiratspläne mit der schönen Demoiselle Eden, der Tochter des ansehnlichen schottischen Schiffscapitains aus Curacao, den man als sehr reich einschätzte, dessen Forderungen aber in Frankreich und England schwer einzutreiben waren.
im siebzehnten Brief bedankte er sich für die Glückwünsche zur Verehelichung: „Ich bin in ihrem Besitze glücklich“. Er habe vier Zimmer gemietet. Das „Comtoir“ habe bei dem Bankrott eines Bremer Kaufmannes viel eingebüßt und der zweite Buchhalter war entlassen worden. Dippold beantwortete auch die Frage nach den Tabakpreisen des Herrn Pitterlin.
Im achtzehnten Brief beglückwünschte er den Empfänger selbst zur Eheschließung und wünschte der Emilie, „zeitlebens glücklich zu sein“
Im neunzehnten Brief schrieb er dem Freund, der als ein „Gelehrter“, in der größten "Sorge sein muss, ein Amt zu erhalten“. Er verteidigte seinen Entschluss und seinen Kaufmannsstand, „der Freunde und Credit hat “sein Geschäft wohl verstehet“ und rechnete dann die Verdienstmöglichkeiten vor. In einer Beilage beschrieb er Broeck und Medenblick, Alkmar, Harlem, Gouda, Rotterdam an der Maas und Enkhuisen.
Im 20. Brief berichtete Christian Sigismund, den jüngeren Bruder des Herrn Reimers, einen Handelspartner, getroffen zu haben, der den Plan mitbrachte, mit Reimers „in Comagnie“ zu handeln und nach Amerika zu gehen. Er überzeugte seine Frau, reiste nach Mittelburg und erhielt „von den Herrn Bewindhabern der westindischen Compagnie 500 Acker Landes in der Steiche von Essequebo auf der Küste von Guiana.“ Das Ersparte reichte „zur Hälfte für die Überfahrt“. Für den andern Teil kaufe er „ein Paar Sklaven, welches Reimers auch tut“. Reimers würde „eiserne Geräte und Werkzeug zur Anrichtung einer Plantage“ anschaffen. Essequebo läge „nicht weit von den holländischen Inseln Curacao und St. Eustatius, zwischen welchen beständig Barken hin und her fahren“ würden und wenn der Krieg zwischen England und Spanien ausbräche, „der noch jetzt in der Asche glimmt“, so würde er die Schulden seines Schwiegervaters eintreiben. Später beschreibt er weiter, dass Reimers und er schon „Herzensfreunde“ seien und sie mit zwei Schiffen nach Surinam gehen würden, er mit „Captain Dirck Volckers, der das Schiff d Arco kommandiert“. Seine liebe Frau sei „getrost“ und in „gesegneten Leibessumständen“. So verabschiedete er sich aus Europa.
Am 18. April gingen sie „an Bord des Lichters, der die letzte Ladung für das Schiff nach den Texel brachte“ und am 21. „unter einem frischen Nordwinde unter Segel … an Bord des Schiffes d Arco, welches in der Krümme des Süd-Wales unter de Helder vor Anker lag“.
Den 21. Brief sendete der Oschatzer am 30.06.1772 aus Paramaribo in America und bat nun „alle Briefe fürs Künftige doppelt“ zu schreiben, „weil solche mit Zwei verschiedenen Schiffen gehen, von denen man nicht gewiss ist, ob eins ankommt oder nicht“. Er beschrieb im Folgenden die Abenteuer der Reise, Wind, Wetter und Unbill, Stürme, Hayen, „Kopfweh, Brechen Diarrhoe und Nasenbluten“, Ungewitter. Mit dem Sprachrohr hielt der Kontakt zu Reimers Schiff. Nach zwei Monaten hatten sie wieder „festes Land unter den Füßen“. Er beschrieb die Überfahrt ausführlich.
Iam 22. Brief 1773 beschrieb er weiter die Landschaft, die Preise der Sklaven, die Leute. Er erfuhr „dass ein hießiger Pflanzer namens Clemens aus Europa gekommen sei, der sei von Geburt ein Sachse und habe seinen Vater, einen Tuchmacher aus Döbeln besucht und viel Aufsehen daselbst gemacht, da er als ein gemeiner Soldat von Hause weggegangen“. Er besuchte den „Glücksgünstling“, der sein Glück seinem „muskulösen Körper zu danken, welcher einer reichen Creolin so viel zu versprechen schien, dass sie ihn aus der Miliz zu ihrem Herrn und Meister erkor“. Den guten Rat, den er von Clemen erhofft hatte, bekam Dippold nicht. In einer Beilage beschrieb er nun ausführlich Suriname.
Im 23. Brief schrieb er , dass der „Hoffnungsfaden zerrissen“ sei, Reimers und er einer Arbeit nachgingen, seine Frau für „einige hiesige Damen Putz zu machen hat“.
Dann rissen die Nachrichten ab.
Im Dezember 1773 schrieb der Oschatzer Pfarrer nachfolgende Notiz ins Kirchenbuch: Herr Christian Sigismund Dippold, Herrn D. Sigismund Dippold , Med Pract, Amts- und Stadtphysici, auch Stadtrichter allhier ältester Herr Sohn, welche auf dem holländischen Etablissement auf der Küste von Suriname Invest Indien als Kauf-und Handelsmann gestanden, ist am 19. September diesen Jahres in der Hauptstadt Paramaribo an einem hitzigen Fleckfieber gestorben, 27 Jahre und neun Monate und 13 Tage alt.
Aus den niederländischen Archiven lässt sich entnehmen, dass die Ehefrau des Kaufmannes vorher verstarb und der Leipziger Cousin Christian Gottlob Frege im Februar 1774 einige Angelegenheiten regelte.
1783, zehn Jahre nach Dippolds Tod, erschien in Dessau eine Schrift unter dem Titel „Quarrels Reisen durch Deutschland, Holland und Surinam in den Jahren 1763 bis 1772, herausgegeben aus Originalbriefen” vom Bruder Gottlob Ehregott Dippold.
Zwanzig Jahre später (1793) erschien in Leipzig „Paul Hennig, eine wahre Geschichte nebst einer merkantilischen Beschreibung von Holland und Surinam“ mit einem Vorwort, datiert auf den 1.01.1787 in Grimma, herausgegeben vom jüngeren Bruder des Abenteurers, und so erhielt sich diese "wahre Geschichte"!