29/05/2026
Der Tempelherrenturm ist vielleicht der interessanteste Turm, den es so nie gegeben hat.
Der Merianstich von 1647 zeigt Rheda mit Stadt, Kirche und Schloss über einer dichten Häuserlinie. Die Türme der Schlossanlage sind deutlich erkennbar; ihre Dachformen unterscheiden sich teilweise vom heutigen Zustand, entsprechen aber wohl der älteren Erscheinung der Burg. Gerade deshalb wurde der Stich lange als Hinweis auf einen dritten großen Turm gelesen: den sogenannten Tempelherrenturm.
Die schriftlichen Quellen bleiben allerdings vorsichtiger. Das Schlossinventar von 1623/24 nennt zwei große Türme. Eine Beschreibung aus dem späten 17. Jahrhundert spricht ebenfalls von zwei starken Türmen. Auch die Baurechnungen von 1604 und 1605 erfassen Arbeiten am „neuen Turm“, am „alten Turm“, an der Kapelle und am Wendelstein, aber keinen dritten Hauptturm.
Der Name Tempelherrenturm kommt dennoch nicht zufällig zustande. Am heutigen Kapellenturm befindet sich die Bauinschrift von 1604, nach der Graf Arnold diesen „Tempelherren Turm“ reparieren und die Wendeltreppe anbauen ließ. Noch heute sind am Mauerwerk Spuren dieser Umbauten erkennbar.
Wahrscheinlicher ist deshalb, dass der sogenannte Tempelherrenturm kein verlorener dritter Turm war, sondern der heutige Kapellenturm selbst, der im frühen 17. Jahrhundert umgebaut und für den reformierten Gottesdienst neu eingerichtet wurde.
The so-called Temple Knights’ Tower was likely not a lost third tower, but the present chapel tower itself.