21/05/2026
Daniela Krien: Mein drittes Leben🏊
Menschen ermüden vom Leid anderer Menschen. Sie verlieren die Lust, Rücksicht zu nehmen, wollen wieder selbst klagen dürfen. Sie sind heimlich wütend darüber, dass vor meinem Problem jedes ihrer eigenen Probleme verblasst. (S.112 f.)
Daniela Krien schreibt in ihrem neuen Roman über die Trauer und scheut sich nicht, in die Abgründe zu schauen, bis es weh tut. Während Linda nach dem Tod ihrer Tochter selbst Schritt für Schritt zu sterben scheint, findet ihr Mann Robert nach einer Weile ins Leben zurück.
Linda dagegen lässt ihre Trauer zu, gibt sich ihr hin und tut Dinge, für die andere kein Verständnis haben. Sie hat nicht nur ihr Kind verloren, sondern auch ihren Lebensmut. Nach überstandenem Schilddrüsenkrebs lässt sie Robert fassungslos in der gemeinsamen Wohnung zurück und zieht in einen Hof im sächsischen Niemandsland und bricht alle sozialen Kontakte ab.
Dort tut sie, was auf einem kleinen Hof zu tun ist. Während der täglichen Routine geht sie den Erinnerungen nach, Bilder der schönen gemeinsamen Zeit, durchläuft immer wieder das Trauma des Unfalls ihrer Tochter Sonja, schaut sich ihre Suizidgedanken an.
Im Übrigen lebe ich weiter wie gehabt – antisozial, fast unsichtbar. Ich gehe raus, wenn es regnet, stürmt und schneit und verkrieche mich, wenn die Sonne scheint.
Alle liebevollen Kontaktangebote von Robert, oder einigen ihrer alten Freunde, lehnt sie beharrlich ab – Woche für Woche, Monat für Monat, drei Jahre lang.
Daniele Krien gelingt es die bittere Unwiderruflichkeit des Verlustes eines geliebten Menschen zu erzählen. Trauer dauert oftmals länger, als viele aus dem Umfeld es für richtig halten. Selbst als Leser habe ich innerlich den Impuls zu sagen, ‚Nun nimm doch mal die Einladung an!‘
Wie es mir wohl ergangen wäre, wenn die Autorin dabeigeblieben wäre und ein weniger versöhnliches Ende gefunden hätte?
Helmut Törner-Roos