27/05/2026
50 Jahre Ortswappen Oberscheibe
Ortssiegel und Wappen der Gemeinde Oberscheibe
Ein amtlich genehmigtes Gemeindewappen besaß Oberscheibe bis 1993 nicht.
Allerdings bemühte man sich bereits nach 1950 um ein solches. Vorgesehen war ein Bauer als Sämann, denn Landwirte waren hierorts die ersten Siedler. Mit der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik wurde jedoch das Staatsemblem (Hammer und Zirkel) einheitlich als Dienstsiegel für alle Staatsorgane verbindlich eingeführt – ein Gemeindewappen war damit vorerst nicht mehr erforderlich.
Mit der Bildung des Gemeindeverbandes 1976 und der Vorgabe, in jeder Stadt und Gemeinde ein Ortsbegrüßungselement aufzustellen, entwarf Bürgermeister Kurt Endt ein Symbol, das allgemeine Zustimmung fand und von der Gemeindevertretung genehmigt wurde.
Ab 1977 wurde das Gemeindewappen für das Klischee auf der Titelseite des Mitteilungsblattes des Gemeindeverbandes verwendet, da Oberscheibe der einzige Ort ohne Wappen war.
Im Kulturraum des Gemeindeamtes hing ein geknüpftes Wappen von Oberscheibe. Die verwendeten Farben entsprachen allerdings nicht dem Entwurf des Wappens für den Gemeindeverband.
Am 7. Oktober 1983 wurde das Gemeindewappen, das Schmiedemeister Fritz Beutner und Heinz Hunger in der LPG-Werkstatt anfertigten, als sichtbares Zeichen am Straßendreieck (F101/Abzweig LIO268) aufgestellt. Auf Initiative des Bürgermeisters wurde es mit einem Windflügel versehen, sodass sich der Baum – außer bei Windstille – wie eine Pyramide dreht.
Das Wappen symbolisiert Hammer und Schlägel der Bergleute und Kalkwerker. Der Berg ist zugleich als Stollen mit der Fichte dargestellt, die vor jedem Haus steht – als Zeichen des Erzgebirges. Die blaue Wellenlinie unter dem Ortsnamen verweist auf den Dorfbach.
Seit der demokratischen Landtagswahl am 14. Oktober 1990 gibt es wieder einen Freistaat Sachsen – mit der Wiedereinführung des historischen Sachsenwappens. Damit erhielten auch Städte und Gemeinden erneut die Berechtigung, ihr Emblem im eigenen Dienstsiegel zu führen.
Nun wurde auch für Oberscheibe ein Gemeindewappen benötigt; so wurde es beispielsweise in das Ärmelzeichen der Feuerwehr integriert. Bürgermeister Wolfgang Kreißig entwickelte auf Grundlage des von Kurt Endt entworfenen Wappens ein Gemeindewappen für Oberscheibe.
Ein erster farbiger Entwurf wurde mit Wasserfarben erstellt. Die Firma Heidler und Fahle digitalisierte das Wappen; erstmals erschien es im Amtsblatt vom November 1990.
Im selben Monat stimmte der Gemeinderat dem Vorschlag für das künftige Gemeindesiegel zu. Damit wurde zugleich das seit Langem bekannte Gemeindewappen bestätigt.
Aus Kostengründen und wegen der Ungewissheit über den Fortbestand unserer kleinen Gemeinde nahm die Gemeindevertretersitzung vom 13. Februar 1991 Abstand von einem Dienstsiegel mit eigenem Wappen.
Zum 1. Januar 1993 wurde das Sachsenwappen in der Mitte des Gemeindesiegels ungültig und war nicht mehr zulässig. Da das Oberscheiber Gemeindewappen noch nicht vom Sächsischen Staatsministerium des Innern bestätigt war, kam für den Gemeinderat nur ein Schriftsiegel ohne Wappen in Frage. Da bis März 1993 der Genehmigungsantrag von 1990 unbeantwortet blieb, bestätigte der Gemeinderat das Wappen nochmals nach heraldischen Gesichtspunkten und reichte es erneut beim Innenministerium zur Genehmigung ein. Die Unterlagen wurden jedoch zurückgegeben, da durch den Zusammenschluss mit der Bergstadt Scheibenberg ein amtlich genehmigtes Gemeindewappen entbehrlich wurde.
In der Hauptsatzung von 1993 wurde geregelt, dass der Ortsteil Oberscheibe und sein Ortschaftsrat das ehemalige Gemeindewappen weiterhin führen dürfen. Als äußere Form des Ortsteilwappens wurde eine romanische Schildform gewählt. Die Fichte steht als Zeichen des Waldreichtums früherer Zeiten. Der Stollenausbau mit Hammer und Schlägel auf silbernem Grund verweist auf den Vater-Abraham-Stollen.
Im Laufe der Jahre hat sich jedoch die Darstellung mit Hammer und Schlägel auf rosa Grund durchgesetzt – was heraldisch nicht korrekt ist, da es Rosa in der Heraldik nicht gibt.
Im Amtsblatt vom Juni 2009 schrieb Pfarrer Stephan Schmidt-Brücken, dass sich in den Pfarramtsakten der Ev.-Luth. St.-Johanniskirche Aufzeichnungen und Schriftverkehr aus der Zeit von etwa 1600 bis heute befinden. In einem Ordner fand sich ein Brief von Erbrichter Stölzel / Oberscheibe aus dem Jahr 1829, der mit einem Lacksiegel verschlossen war. Durch das Öffnen des Briefes zerbrach das Siegel naturgemäß und konnte nur schwer entziffert werden.
Die Umschrift lautet SIGILLVM OBERSCHEIBE („Siegel von Oberscheibe“). Der Buchstabe U wurde dabei, wie allgemein üblich, als V geschrieben. Im Inneren finden sich außerdem zwei Buchstaben, die nicht mehr vollständig erhalten sind.
Mit großer Wahrscheinlichkeit ist O. S. zu lesen, was wiederum für „Ober Scheibe“ steht. Der Brief wurde zwar erst am 22. Oktober 1829 geschrieben, das Siegel mit dem Ortswappen ist jedoch sicher älter: Es zeigt Stilelemente aus der Zeit um 1800 und noch keinerlei klassizisti-sche Einflüsse. Zudem sind die Buchstaben gepunzt, also mit Schlageisen in das weiche Metall des Petschafts eingeschlagen. Vielleicht findet sich irgendwo noch ein vollständiger Abdruck.
Dann ließe sich auch klären, ob es sich tatsächlich um ein offizielles Ortswappen von Ober-scheibe handelt – oder eher um eine private Idee der Erbrichterfamilie Stölzel.
Die Aussagekraft des alten Wappens ist recht gering; man kann das Bild nur mit Mühe deuten oder einem Fremden erklären. Wesentlich anschaulicher ist das heute gebräuchliche Siegel-bild. Dennoch ist der Fund ein schöner Mosaikstein in der vielhundertjährigen Geschichte von Oberscheibe.
Soweit ein Auszug aus dem Amtsblatt von 2009.
Nach Ortschronik Oberscheibe, Protokollen der Gemeindevertretersitzungen von 1990 bis 1993 und dem Amtsblatt Juni 2009.
Jens Kreißig