24/02/2019
„Früher war rein gar nichts besser, früher kannte man sich einfach nur nicht.“
- Prof. Dr. El-Mafaalani zum Thema Integration in Deutschland
Wir möchten euch noch einen kleinen Bericht und ein paar Impressionen zu der von uns am 14. Februar mitgestalteten Veranstaltung „Das Integrationsparadox“ mit Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani geben. Die mit über 600 Hörerinnen und Hörern gut besuchte Veranstaltung war aus unserer Sicht wirklich sehenswert und wir bedanken uns noch einmal herzlich bei allen Mitwirkenden!
Euer RPJ Stuttgart
Bericht und Einblicke in den Inhalt:
Auch im Jahr 2019 war es wieder so weit: Die 22. Islamwoche Stuttgart fand vom 13.02 bis zum 16.02.19 an der Universität Stuttgart statt. Ziel der Islamwoche ist es interkulturellen Dialog zu fördern und das Islamverständnis der Mehrheitsgesellschaft zu stärken. Dieses Jahr wurde es neben grundlegenden Religionsfragen und Anregungen zur Persönlichkeitsentwicklung auf der mit Unterstützung des Ring politischer Jugend stattfindenden Veranstaltung “Das Integrationsparadox” mit dem Referenten Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani auch höchst politisch.
Mafaalani arbeitet seit 2018 im nordrhein-westfälischen Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration in Düsseldorf und vertrat als Referent am 14.02.19 bei der Islamwoche die These, dass gerade die gesellschaftlichen Konflikte in den letzten Jahren den stärksten Beweis einer gelungenen Integration darstellen würden und füllte damit den Saal mit 600 interessierten Menschen. Dazu gehörten unter anderem der Stuttgarter Bürgermeister für Integration und Soziales Werner Wölfle, Rainer Hinderer als Vorsitzender des Ausschusses für Soziales und Integration und die Vertretenden des Rings politischer Jugend selbst.
Für Mafaalani ist eins klar: „Früher war rein gar nichts besser, früher kannte man sich einfach nur nicht.“ Dabei legt er großen Wert darauf deutlich zu machen, dass es sich heutzutage um eine Spaltung innerhalb der Gesellschaft handelt, die nicht mehr kategorisiert werden kann. Eine Spaltung, die in der Verdichtung entstanden ist. Heute stehen sich nicht mehr etwa verschiedene homogene Gruppen gegenüber, die oberflächliche Unterschiede aufweisen, sondern Gruppen, die verschiedene Werte und Vorstellungen teilen. So wird bei Fragen wie “gehört der Islam zu Deutschland?”, nicht etwa zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen gestritten, sondern beide Gruppen sind in sich gespaltener Meinung.
Nur auf diesem Wege könne laut Mafaalani eine vernünftige Basis für gesellschaftliche Entwicklung gelegt werden, weil erst jetzt die benachteiligten Gruppen (und dazu zählt er neben Migranten und Muslimen auch Frauen, Homosexuelle und Menschen mit Behinderung) nicht nur irgendwo am Boden oder gequetscht am Rand des Tisches sitzen - um in Mafaalanis Bild zu bleiben - sondern auch mitbestimmen möchten was serviert wird. Dabei nennt er aktuelle Beispiele, wie dass muslimische Studierende gerne einen Raum der Stille an der Universität Stuttgart hätten, an dem sie beten und andere meditieren oder Yogaübungen machen könnten oder dass die ‘Frau mit Kopftuch’ jetzt gerne Lehrerin, Ärztin, Abteilungsleiterin und mehr werden will und dafür auch die nötigen Qualifikationen und Fähigkeiten besitzt. All dies bringt Konflikte mit sich. Allerdings nicht, weil wir zu unterschiedlich sind, sondern gerade weil wir jetzt, in einer diverseren, freiheitlichen Gesellschaft, auf Augenhöhe streiten. In Mafalaanis Worten “mehr Menschen am Tisch sitzen und mitbestimmen als möchten”. Er spricht vom „Narzissmus der kleinen Differenz“ und der These, dass die Wichtigkeit Differenzen besonders hervorzuheben dann entsteht, wenn diese Differenzen immer kleiner werden. Das heißt, dass es für unsere Gesellschaft gerade jetzt wichtig ist eine vernünftige Streitkultur zu entwickeln und die Konflikte durch intelligenten Diskurs anzugehen, denn die Zukunft, so Mafaalani, würde sich nicht von selbst formen und sei damit auf unsere aktive Mitwirkung angewiesen.
Durch seine offene, authentische Art und seine Kunst komplexe Sachverhalte sprachlich für eine breite Masse zugängliche zu machen, schafft es Mafaalani Menschen, weit über den gut besetzten Hörsaal hinaus, zum Denken anzuregen. Was er nicht schafft ist, eine Zukunftsvision zu prognostizieren. Dafür muss jeder Einzelne von uns bereit sein, Konflikte auszutragen, zu überwinden und Unterschiede anzunehmen, damit am Ende der Reise nicht mehr nur von Integration, sondern schon von Inklusion die Rede sein kann.
Alle Vorträge und Fragerunden können auf der Seite der Islamwoche Stuttgart auch noch einmal angesehen werden.