24/08/2026
«Wozu dient diese Freude am Töten?»
In seinem kurzen, gegen Ende seines Lebens verfassten Text gegen die Hobby-Jagd bringt Tolstoi seine Kritik auf den Punkt. Er weist das gängige Argument zurück, die Hobby-Jagd bringe den Menschen näher an einen natürlichen Überlebenskampf: Für den zivilisierten Menschen bestehe dieser Kampf längst in Arbeit, Landwirtschaft und Versorgung, nicht im Verfolgen und Erlegen nichtmenschlicher Tiere. Die Hobby-Jagd sei deshalb keine natürliche Notwendigkeit, sondern eine freiwillige Rückkehr zu einem überwundenen Zustand, die im Menschen genau jene Instinkte trainiere, die sein moralisches Bewusstsein eigentlich ablehne.
Besonders scharf fällt seine Beschreibung der Methoden der Hobby-Jagd aus: Hinterlist, Fallen, Hinterhalt, das gemeinsame Vorgehen vieler gegen einen Einzelnen, des Starken gegen den Schwachen, das Trennen von Jungtieren und Elterntieren. Handlungen, die unter Menschen als niederträchtig gelten würden, so Tolstoi, würden bei der Hobby-Jagd offen und ohne Scham begangen, und zwar von denselben Personen, die es ablehnen würden, sich von jemandem, der ihnen dergleichen antäte, überhaupt die Hand reichen zu lassen.
Konsequenz statt Widerspruch
Wichtig ist: Tolstois Abkehr von der Hobby-Jagd stand nicht isoliert. Sie fiel zeitlich mit seiner Hinwendung zum Vegetarismus, zum christlichen Pazifismus und zu einer radikalen Gewaltlosigkeitslehre zusammen, die später als «Tolstoismus» bekannt wurde und unter anderem Mahatma Gandhi beeinflusste. Für Tolstoi war die Ablehnung der Hobby-Jagd kein isoliertes Tierschutzanliegen, sondern Teil eines umfassenderen ethischen Systems: Wer Gewalt gegen nichtmenschliche Tiere für ein legitimes Vergnügen hält, so seine Logik, untergräbt jene Fähigkeit zum Mitgefühl, die auch die Grundlage für ein gewaltfreies Zusammenleben unter Menschen bildet.
Gerade weil Tolstoi selbst jahrzehntelang begeisterter Hobby-Jäger war und die Jagdszenen in «Krieg und Frieden» zu den eindrücklichsten der Weltliteratur zählen, wiegt seine spätere Verurteilung besonders schwer. Es ist die Selbstkritik eines Mannes, der die Faszination der Hobby-Jagd aus eigener Erfahrung kannte und sie dennoch, nach jahrzehntelanger ethischer Auseinandersetzung, als das entlarvte, was sie für ihn am Ende war: ein Vergnügen am Töten, das sich hinter Traditionen und vermeintlicher Naturverbundenheit versteckt.
Quelle: Redaktion Wild beim Wild — 14. August 2026