27/08/2026
STRASSENNAMEN ÄNDERN?
(Unser Beitrag in der Rathauszeitung am 25.August)
Seit einigen Jahren findet deutschlandweit eine intensive Diskussion über die Änderung von Straßennamen statt, deren Namensgeber in irgendeiner Weise politisch oder moralisch belastet sind. Auch in Trier beschäftigt sich eine Kommission aus wissenschaftlichen Experten, Vertretern zivilgesellschaftlicher Organisationen und Mitgliedern der Stadtratsfraktionen seit 2022 mit dieser Frage.
Für uns war von Anfang an klar: eine zeitgeistig getriebene Bilderstürmerei darf es nicht geben. Es ist schlichtweg unhistorisch, moralische Maßstäbe der Gegenwart an Persönlichkeiten der Geschichte anzulegen. Was heute als untragbar gilt, war früher oft gängige Überzeugung. Und manches, was uns selbstverständlich erscheint, wird in Zukunft vollkommen anders bewertet werden. Solange Namensgeber sich nicht schwerwiegender Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gemacht haben, sollte die Erinnerung an sie daher nicht ausgelöscht, sondern ihr Handeln aus heutiger Sicht eingeordnet werden.
Wichtig ist es aus unserer Sicht dabei, die gesamte Biographie eines Menschen in den Blick zu nehmen. So wäre es eine grobe Verzerrung seines Lebenswerks, Kaiser-Wilhelm II. als Namenspatron einer unserer Moselbrücken, allein aufgrund seiner im Exil getätigten antisemitischen Äußerungen zu bewerten. Die jüdische Bevölkerung erfuhr unter ihm zwar manche strukturelle Diskriminierung, war aber insgesamt gut integriert und im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern keinen staatlichen Repressionen ausgesetzt. Wilhelms anfängliche, der Hoffnung auf eine Restauration der Monarchie geschuldete Sympathie für die N***s wich sehr bald der Ernüchterung. Die Pogromnacht vom 9. November 1938 bezeichnete er als „Schande“, worin seine zunehmende Ablehnung des Nationalsozialismus zum Ausdruck kam. Zudem war die Kaiserzeit nicht nur von aggressiver Außenpolitik und imperialistischer Kolonialpolitik geprägt, sondern auch eine Epoche wirtschaftlicher Modernisierung, wissenschaftlicher Höchstleistungen, bedeutender kultureller Entwicklungen und eines vorbildlich funktionierenden Staatsapparats.
Erfreulicherweise steht auch die Trierer Kommission für eine differenzierte Haltung und empfiehlt keine weiteren Straßenumbenennungen. Anstatt Namen historisch belasteter Personen aus dem Stadtbild zu tilgen, sollen erklärende Zusatztafeln unter dem Straßenschild angebracht und mit einem QR-Code versehen werden, der weitere Informationen zur Verfügung stellt. Dieses Vorgehen findet unsere ausdrückliche Zustimmung.