21/07/2026
Spurensuche im Johanna-Stahl-Zentrum Teil 5:
Mitten in Würzburg und Estenfeld spielte sich einst das Leben der Familie Löwenthal ab. Sie waren Nachbarn, Geschäftsleute, Teil der Dorfgemeinschaft – bis ihnen die Nationalsozialisten Schritt für Schritt ihre Heimat, ihre Rechte und schließlich ihr Leben nahmen.
Emma und Leo Löwenthal bauten sich nach ihrer Hochzeit 1913 zunächst in Würzburg eine Zukunft auf. Ihre Tochter Lina, liebevoll „Linchen“ genannt, wurde hier 1914 geboren. Ende 1918 kehrte die Familie nach Estenfeld zurück, wo Leo das Geschäft von Emmas Eltern weiterführte. Die Familie gehörte seit Generationen zum Ort – ihre Wurzeln reichten bis um 1800 zurück.
Als die Nationalsozialisten die jüdische Bevölkerung ausgrenzten und verfolgten, versuchten Emma und Leo verzweifelt, zu ihrer Tochter Lina in die USA auszureisen. Lina und ihr Ehemann Max Selig konnten 1940 über England fliehen und mit der „Samaria“ New York erreichen. Für ihre Eltern kam jede Hilfe zu spät.
Nachdem sie ihr Zuhause verloren hatten, wurden Emma und Leo aus Estenfeld vertrieben und in das jüdische Unterkunftsheim in der Bibrastraße in Würzburg eingewiesen. Obwohl Emma schwer herzkrank und kaum transportfähig war, wurden beide am 23. September 1942 nach Theresienstadt deportiert. Im Mai 1944 führte ihr Leidensweg weiter nach Auschwitz – von dort kehrten sie nie zurück.
Lina überlebte. Sie starb 2002 in Denver im Alter von 87 Jahren. Doch ihre Eltern konnten ihre Tochter nie wiedersehen.
Die Geschichte der Familie Löwenthal ist keine ferne Geschichte. Sie begann in den Straßen Würzburgs und in den Häusern Estenfelds. Sie erinnert uns daran, dass hinter jeder Deportationsliste Menschen standen – mit Familien, Träumen und einem Zuhause.