07/05/2026
Der Mann, der Werdau ein Stück Meer schenkte
Zwischen Fischtheke, Kunst und Geschichten aus fünf Jahrzehnten
Es gibt Geschäfte, die verkaufen Waren. Und es gibt Menschen, die mit ihrem Geschäft Geschichten, Erinnerungen und ein Lebensgefühl verbinden. Matthias Scheibner gehört ohne Zweifel zur zweiten Kategorie. Anfang Mai seit genau 50 Jahren ist der heute 72-Jährige in Werdau aktiv. Sein Laden ist Begegnungsort, Kunstgalerie, Mittagstisch und für viele Werdauer einfach ein Stück Heimat geworden. Dabei begann sein Berufsleben ursprünglich ganz anders. Der gelernte Fleischfacharbeiter arbeitete zunächst in einer Fleischerei und teilte dort noch Rinder- und Schweinehälften. Doch die Suche nach dem richtigen Geschäft führte ihn schließlich zum Fischladen am Markt. Damals gehörte das Geschäft noch zur HO. Weil jedoch die damalige Chefin erkrankte, übernahm Scheibner kurzerhand die Leitung des Fischgeschäfts. Anfang 1991 kaufte er den Laden schließlich selbst und investierte immer wieder in dessen Ausbau und Gestaltung. Wer heute den Laden betritt, merkt sofort, dass hier Persönlichkeit in jedem Detail steckt. Die geschwungene Welle an der Decke, das Bullauge zum Essbereich und die besondere Theke am Fenster erzählen von Scheibners Liebe zum Meer. „Wenn ich eine Welle sehe, dann sehe ich das Leben. Es schäumt sich auf und verebbt und dann kommt schon die nächste Welle“, sagt er. Ein Satz, der wohl auch seinen eigenen Lebensweg beschreibt. Die Jahre brachten nicht nur Erfolge, sondern auch schwierige Zeiten. Besonders die Wendezeit sei herausfordernd gewesen. „In der ganzen DDR-Zeit habe ich nie einen Aal gesehen“, erinnert sich Matthias Scheibner lachend. Oberbürgermeister Sören Kristensen ergänzte bei seinem Besuch augenzwinkernd: „Aale waren damals Tauschware. Gegen einen Aal aus der Kober konnte man sich schon mal den Trabbi lackieren lassen“. Heute sorgen rund 20 Mitarbeiter dafür, dass der Laden täglich läuft. Bereits ab halb fünf Uhr morgens wird gearbeitet - im Verkauf, im Imbiss, am Mittagstisch oder in der Räucherei. Vier Verkaufswagen beliefern unter anderem Zwickau, Hohenstein-Ernstthal, Crimmitschau und Auerbach.
Das Angebot ist längst weit mehr als klassischer Fischverkauf. Neben Frisch- und Räucherfisch gibt es selbstgemachte Marinaden, Fischplatten und über 20 verschiedene Salate. Scheibners persönlicher Lieblingsfisch ist dabei bis heute der Seefisch - vor allem Kabeljau und Rotbarsch.
Viele Werdauer verbinden mit dem Geschäft auch Kindheitserinnerungen. „Ich kann mich noch erinnern, dass man früher das geflieste Becken von der Theke aus sehen konnte“, erzählte Sören Kristensen rückblickend.
Doch wer Matthias Scheibner kennt, weiß, seine Leidenschaft endet nicht beim Fisch. Seit vielen Jahren organisiert er Kunstvernissagen auf dem Markt und stellt Werke verschiedenster Künstler in seinem Laden aus. Zahlreiche Freundschaften und gemeinsame Projekte sind daraus entstanden. „Ich bin ein Sammlertyp“, erzählt er. Besonders durch die DDR-Kunstzeitschrift „ART“ sei seine Begeisterung für Kunst gewachsen. Anfang der 2000er-Jahre sei diese Leidenschaft erneut richtig aufgeflammt.
Vielleicht ist genau das sein Erfolgsgeheimnis. Matthias Scheibner verkauft nicht einfach Fisch. Er bringt ein Stück Meer, Kultur und Menschlichkeit nach Werdau. Und genau dafür dankte ihm Oberbürgermeister Sören Kristensen ausdrücklich, nicht nur für wirtschaftlichen Erfolg, sondern vor allem für Leidenschaft, Durchhaltevermögen und seine Verbundenheit zur Stadt. Herzlichen Glückwunsch zu den Jubiläen in diesem Jahr und weiterhin viel Erfolg und Freude!